Archiv der Kategorie: Persönlichkeitsentwicklung

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Die 5 Dinge die du mit Sicherheit bedauern wirst

Eine Krankenschwester für Palliativpflege in den USA hat eine Liste mit den 5 Dingen gemacht, die sterbende Menschen am meisten in ihrem Leben bereuen.

1. Ich wünschte ich hätte den Mut gehabt ein Leben zu leben, bei dem ich mir selbst treu bleibe, nicht das Leben das andere von mir erwartet haben.

Dies war das größte gemeinsame Bedauern. Wenn Menschen realisieren, dass ihr Leben fast vorbei ist und sie mit klarem Blick zurückschauen, ist es leicht zu sehen, wie viele Träume unerfüllt blieben. Die meisten der Befragten hatten nicht mal die Hälfte ihrer Träume umgesetzt und mussten in dem Wissen sterben, dass es aufgrund ihrer eigenen getroffenen oder eben nicht getroffenen Wahlen war.

2. Ich wünschte ich hätte nicht so hart gearbeitet.

Dies kam hauptsächlich von den männlichen Patienten. Sie verpassten wie ihre Kinder aufwuchsen oder bereuten nicht mehr Zeit mit ihren Frauen verbracht zu haben.

3. Ich wünschte ich hätte den Mut gehabt meine Gefühle auszudrücken.

Viele Menschen hatten ihre Gefühle unterdrückt um relativ friedlich mit anderen auszukommen. Dadurch konnten sie nie zu der Person werden, zu der sie sich in der Lage fühlten.

4. Ich wünschte ich wäre in Kontakt mit meinen Freunden geblieben.

Oft konnten die Patienten nicht zur Gänze die vollen Vorteile alter Freundschaften erkennen, bis zu dem Zeitpunkt an dem sie sterben mussten. Viele waren durch ihr eigenes Leben so eingenommen, dass sie die alten Freundschaften über die Jahre haben schleifen lassen.

5. Ich wünschte ich hätte mich selbst glücklicher sein lassen.

Dieser Satz hört sich vielleicht komisch an, aber am Ende des Lebens stellten viele fest, dass glücklich sein eine Wahl ist, die man treffen kann. Sie steckten fest in alten Mustern und Gewohnheiten. Der so genannte „Komfort“ der Vertrautheit schwappte in ihre Emotionen, wie auch ihr physisches Leben. Die Angst vor Veränderungen hat sie dazu veranlasst anderen Leuten und sich selbst gegenüber etwas vorzumachen und zufrieden zu tun. Dabei haben sie sich tief in sich danach gesehnt ordentlich zu lachen und wieder etwas Albernheit in ihrem Leben zu haben.

Diese 5 Punkte klingen für mich sehr plausibel und ich kann mich selbst in mindestens 4 wieder erkennen, wenn nicht in allen. Wenn man diese 5 Punkte in einen einzigen Ratschlag komprimieren wollte, könnte man sagen: Sei kein Zahnrad!

Das Alarmierende an diesen 5 Punkten des Bedauerns ist, dass es sich hierbei um Punkte des Unterlassens handelt. Man hat Dinge unterlassen, sie aktiv nicht gemacht. Man vergisst seine Träume, ignoriert seine Familie, unterdrückt seine Gefühle, vernachlässigt seine Freunde und vergisst glücklich zu sein. Fehler die man aufgrund von Unterlassung macht, sind besonders tückisch, weil man sie aus der „Standardeinstellung“ heraus macht.

Ich würde für mich diese Fehler gerne vermeiden. Aber wie vermeidet man Fehler die man standardmäßig macht? Idealerweise transformiert man sein Leben so, dass man andere Standardeinstellungen hat, aber vielleicht ist das gar nicht möglich. Solange diese Fehler standardmäßig passieren, muss man sich eben aktiv daran erinnern sie nicht zu machen. Und das ist verdammt schwierig, auch wenn sich das simpel anhört.

Wenn man die 5 Bedauern oder Fehler invertiert, dann bekommt man folgende Handlungsanweisungen:

Ignoriere nicht deine Träume, arbeite nicht zu viel, sage was du denkst, kultiviere Freundschaften, sei glücklich!

Wenn man sich jeden Tag nur diese Anweisungen auf seine To-Do Liste schreibt, wird man wohl am Ende nicht so viel zu bedauern haben.

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Die interessanteste Partyfrage die Du stellen kannst?

Vor kurzem habe ich einen Beitrag darüber geschrieben wieviel Einkommen genug ist. Darin habe ich erwähnt, dass wir unser Leben grundsätzlich anhand von zwei Maßstäben bewerten. Einmal durch das erlebende Selbst und einmal durch das erinnernde Selbst. Das erlebende Selbst bewertet das aktuelle Wohlbefinden, wogegen das erinnernde Selbst die allgemeine Lebenszufriedenheit in der Retrospektive bewertet.

Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass diese Art des Wertens nicht nur auf die Lebenszufriedenheit bzw. das Wohlbefinden zutrifft, sondern auch auf jedes einzelne Erlebnis das wir haben. Letztlich ist das Wohlbefinden nichts anderes als ein einzelnes Erlebnis oder der Momentanzustand an Zufriedenheit und die Lebenszufriedenheit die Kumulierung vieler einzelner Erlebnisse.

Eine ganz spezielle Kategorie solcher Erlebnisse ist der Urlaub. Man kann im Urlaub meist ein Verhalten zwischen zwei Extremen beobachten. Es gibt die Kategorie an Menschen die alles und jeden gleich per Kamera festhalten müssen. Da fällt einem meistens das Klischee des typischen Japaners ein, der den ganzen Urlaub durch seine Kameralinse sieht. Auf der anderen Seite gibt es die Menschen die nicht mal eine Kamera dabei haben und voll im Moment leben. Keine Fotos oder Videos, nur der pure Moment. Wir alle fallen irgendwo zwischen diese zwei Extreme.

Der Fotograf betrachtet die Szene nicht als einen Moment der genossen werden sollte, sondern als eine zu gestaltende zukünftige Erinnerung. Bilder mögen für das erinnernde Selbst nützlich sein, aber Fotografieren ist für das erlebende Selbst eines Touristen nicht unbedingt der beste Weg einen schönen Anblick zu genießen.

Die entscheidende Frage ist, was dir persönlich mehr wert ist. Um das für sich selbst herauszufinden könnte man folgendes Gedankenexperiment machen:

Am Ende des Urlaubs werden alle Bilder und Videos zerstört. Außerdem trinkst du einen Zaubertrank, der all deine Urlaubserinnerungen löschen wird.

Wie würde sich diese Aussicht auf deine Urlaubspläne auswirken? Wieviel wärst du bereit dafür zu zahlen, verglichen mit einem normal erinnerbaren Urlaub?

Das ist im Übrigen eine interessante Frage für die nächste Party, die man mal verschiedenen Leuten stellen kann. Man wäre erstaunt wieviele Leute sagen, dass sie dann überhaupt gar keinen Urlaub machen würden, da es sich nicht lohnen würde. Daran sieht man, dass (meiner Erfahrung nach) den meisten Leuten mehr an der Erinnerung an den Urlaub liegt, als an der Erfahrung selber.  Jeder der schonmal einen Wanderurlaub gemacht hat, kann das vielleicht allzu gut nachvollziehen. Wieso sollte man sich den Strapazen des Echtzeiterlebnisses hingeben, wenn man nicht noch jahrelang danach von dieser Erinnerung zehren und allen von diesem Abenteuer erzählen kann. Der Wert des Urlaubs entsteht weniger aus der Echtzeiterfahrung, sondern mehr aus der Erwartung, dass sowohl die Mühen als auch die Freude darüber, das Ziel erreicht zu haben, unvergesslich sein werden.

Wenn man es aus einer übergeordneten Warte betrachtet, dann sind wir eigentlich nur darauf aus Erinnerungen zu sammeln. Der Moment an sich, die tatsächliche Erfahrung dessen, ist für uns fast wertlos. Wir leben entweder in der Zukunft, in freudiger Erwartung eines Momentes, an den wir uns ein Leben lang erinnern können, oder in der Vergangenheit, in Erinnerungen an genau den Moment den wir gestern noch so freudig erwartet haben. Nur eine Sache fehlt da irgendwie. Der Moment selber. Wir schaffen es einfach nicht im Moment selber zu leben. Für den Moment zu leben. Das wird wohl auch ein Grund dafür sein wieso wir es letztlich nicht schaffen nachhaltig glücklich zu sein.

Wie steht ihr dazu? Wie wichtig ist euch der Moment? Würdet ihr einen Urlaub machen, wenn es danach keine Fotos/Videos gäbe und ihr euch später auch sonst nicht an den Urlaub erinnern könntet? Würdet ihr den Urlaub machen? Wenn ja, wieviel wärt ihr bereit dafür auszugeben? 100% eines „normalen“ Urlaubs? 50%? 10%? Würdet ihr euch mit dem Wissen zufrieden geben, dass Euer früheres Ich eine schöne Zeit hatte, einen oder mehrere wundervolle Momente, euer jetziges Ich aber „nichts“ davon hat?

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Wieviel ist genug?

Letztens bin ich auf eine amerikanische Studie gestoßen, die besagte dass das Wohlbefinden sich über ein Haushaltseinkommen von 75.000 Dollar jährlich nicht mehr steigert. Wohlgemerkt muss hier zwischen dem erlebten Wohlbefinden und der generellen Lebenszufriedenheit unterschieden werden, denn die Lebenszufriedenheit wurde von den Probanden der Untersuchung über diesen Betrag hinaus mit steigendem Gehalt als höher eingestuft.

Hä? Ich dachte ja immer dass das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit das Gleiche wären. Nach einer tieferen Recherche bin ich auf eine mögliche Erklärung gestoßen. Wir bewerten unser Leben grundsätzlich nach zwei Maßstäben. Einmal durch das erlebende Selbst und durch das erinnernde Selbst. Das erlebende Selbst bewertet das erlebte Wohlbefinden. Dementsprechend gibt es eine Obergrenze an jährlichem Einkommen, über welches hinaus kein weiterer Anstieg des erlebten Wohlbefinden beobachtet werden kann. Das erinnernde Selbst bewertet die Lebenszufriedenheit. Ein höheres Einkommen bringt eine höhere Lebenszufriedenheit mit sich, weit über den Punkt hinaus, an dem es aufhört, irgendeinen positiven Effekt auf die Erfahrung dessen zu haben.

Die Erhebung der Studie ist aus dem Jahr 2010 und leider ging daraus nicht hervor ob es sich um ein Brutto- oder Nettohaushaltseinkommen handelt. Aber gehen wir mal davon aus, dass ein Bruttoeinkommen gemeint war. Wenn man diese Zahl auf 2018 bezieht und um die durchschnittliche jährliche Inflation von 2,2% korrigiert, landet man schon bei einer Summe von ca. 89.000 Dollar. Umgerechnet auf einen Euro Betrag (nach heutigem Umrechnungsfaktor 1 US-$ = 0,806€) ergibt das ca. 72.000€ [1].

Ich frage mich wieso das so ist? Wieso gerade diese Zahl und nicht 40.000€ oder 200.000€?

Anscheinend ist das die Zahl, die man heutzutage benötigt um sich ein angenehmes Leben leisten zu können. Eine schöne Wohnung oder Haus, ein ausreichend luxuriös ausgestattetes Fahrzeug, angemessene Kleidung, Urlaube und andere Freizeitaktivitäten. Alles darüber hinaus würde auf einer Glücklichkeitsskala keinen nennenswerten Sprung mehr machen.

Wenn man sich ein Smartphone leisten kann, dann könnte das subjektive Wohlbefinden einen riesigen Sprung machen. Wenn man sich ein iPhone der vorletzten Generation leisten kann, dann würde man vll. noch einen kleinen Sprung machen. Aber wenn man sich das allerneuste iPhone leisten kann, rührt sich das Wohlbefinden wahrscheinlich überhaupt nicht von der Stelle.

Kein Smartphone –> Smartphone:  entspricht auf einer Glücklichkeitsskala: „3“ –> „7“

Irgendein Smartphone –> iPhone der vorletzten Generation: „7“ –> „7,5“

iPhone der vorletzten Generation –> allerneuestes iPhone: „7,5“ –> „7,5“ [2]

Das würde bedeuten, dass mehr Geld nur dazu führen würde, dass wir uns mehr von der gleichen Sache kaufen könnten, uns der Erwerb dieser Sache aber nicht glücklicher machen würde [3]. Viele der Sachen die uns glücklich machen kann man nicht für Geld kaufen, auch wenn das abgedroschen klingt. Eine stabile Beziehung zu seinem Partner, ein gesundes Selbstbewusstsein, körperliche und psychische Gesundheit, gute Freunde, die Erfüllung des eigenen Geltungssinnes und Selbstverwirklichung.

Ich weiß auch nicht, ob ich die grundsätzliche Aussage glauben kann, dass ein höheres Einkommen über 72.000€ jährlich nicht glücklicher macht. Die in der Studie aufgezeigte Korrelation beträgt zwar genau Null, aber man weiß nichts über die Stichprobe. Vielleicht sind die höchsten in der Studie erfassten Gehälter z.B. 200.000€. Mit solch einem Job steigen natürlich auch die Arbeitsbelastung, der Stress und der erforderliche Zeitaufwand. Bei so einem Gehalt wird die Wochenarbeitszeit jenseits der 60 oder gar 80 Stunden liegen. Dieses Tauschgeschäft zwischen Geld und Zeit wird logischerweise nicht zu einem größeren Glücksempfinden führen. Aber wer durchaus durch das Raster gefallen sein könnte, sind Jahresgehälter jenseits der 1.000.000€. Ab einer gewissen Grenze könnte das subjektiv empfundene Glück durchaus wieder ansteigen.

Was man auch berücksichtigen sollte ist, wer die Studie zu welchem Zweck durchgeführt hat. Es könnte durchaus sein, dass diese Zahlen absichtlich so gewählt wurden, dass sie für einen gewissen Teil der Bevölkerung erreichbar sind. Für viele wird die Summe zumindest in greifbarer Nähe bleiben, so dass man die perfekte Möhre vorgehalten bekommt, der man hinterher rennen kann. Und wenn man die Summe tatsächlich erreicht, soll bezweckt werden, dass einen die eigenen Ambitionen nicht in höhere Regionen locken, da es ja eh zwecklose wäre, da nicht mehr Zufriedenheit in Aussicht steht. Schließlich muss das „System“ am Laufen gehalten werden.

Eine Sache sollte man bei recht „hohen“ Einkommen auch nicht vernachlässigen: Man verliert bis zu einem gewissen Maße die Fähigkeit die kleinen Dinge des Lebens zu wertschätzen. Eine angenehme Brise wenn der Frühling anfängt zu blühen, warme, von Herzen gemeinte, aufmunternde Worte, ein in orange-rot-lila getauchter Sonnenuntergang im Sommer, die Aussicht von einem Berggipfel.

Ich stimme darin überein, dass man nur so viel Geld haben sollte, dass Geld an sich kein Problem mehr darstellt. Dass einem die Sorge darüber vollständig genommen wird, so dass man sich wieder seinem richtigen Leben widmen kann. Wieviel das ist, muss letztlich jeder für sich selbst beantworten.

Anmerkungen:

[1] Die Steuerlast in den USA unterscheidet sich von der in Deutschland teilweise erheblich. Steuern in den USA variieren in unterschiedlichen Bundesstaaten, sind aber grundsätzlich niedriger als in Deutschland. Sozialabgaben wie bei uns gibt es in der Form auch nicht, so dass man davon ausgehen kann, dass sogar im Falle eines Bruttoeinkommens von 75.000$ viel mehr Netto hängen bleibt als bei einem äquivalenten Brutto in Deutschland.

[2] Ich habe die Basislinie für das Glücksempfinden ohne Smartphone auf eine „3“ gesetzt (Skala von 0-10), basierend auf unseren kulturellen Umständen – Deutschland im Jahr 2018. In einer anderen Kultur könnte das Basis-Glücksempfinden ohne Smartphone schon bei einer „7“ oder gar höher sein.

[3] Oder wir könnten uns anders gestaltete Sachen von der gleichen Kategorie leisten, die unser Glück aber nicht sonderlich beeinflussen würden. Um beim Beispiel des iPhones zu bleiben. Was ist der Vorteil eines iPhones gegenüber einem „billigen“ Einsteiger-Smartphone? Für den Alltagsgebrauch nicht viel, außer vll. etwas usability und natürlich den Status, der aus psychologischer Sicht nicht zu vernachlässigen ist.

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Was ich in 101 Stunden programmieren gelernt habe

Zu Beginn des Jahres 2018 habe ich mir vorgenommen einen neuen Hardskill zu lernen. Die Gründe dafür waren zahlreich, aber vor allem wollte ich wieder etwas machen in das man sich über längere Zeit richtig vertiefen kann. Ich wollte wieder dieses Gefühl haben, etwas zu lernen was wirklich schwierig ist und lange Zeit braucht um gelernt zu werden, aber auch das gute Gefühl, welches man hat, wenn man diese Fähigkeit zum Einsatz bringt und damit etwas produziert, etwas macht.

Die ersten drei Monate vergingen natürlich wie im Flug, ohne dass ich auch nur einen weiteren Gedanken daran verschwendet hätte. Gut, dass ich mir solche Dinge aufschreibe und regelmäßig zu Gemüte führe (wer schreibt, der bleibt). Ende März habe ich mich dann nach etwas Überlegung dazu entschieden wieder mit dem Programmieren anzufangen. Wieso wieder und wieso gerade Programmieren? Als ich noch in der Schule war, habe ich mich eine kurze Zeit damit beschäftigt und bereits ein paar kleine „Progrämmchen“ geschrieben. Nachdem meine Entscheidung dann gegen das Informatik Studium fiel, habe ich die Sache wieder fallen gelassen, was ich seither bereits einige male bereut habe. Die Faszination über das Coding hat mich nie so wirklich losgelassen und nachdem ich eher zufällig auf den Blog von Paul Graham (www.paulgraham.com) gestoßen bin, war ich wieder Feuer und Flamme dafür [1].

Vor ein paar Tagen habe ich die 100 Stunden Marke geknackt. Insgesamt habe ich jetzt an 52 Tagen programmiert und mich in Summe ca. 101 Stunden damit beschäftigt. Ich dachte mir es könnte sich lohnen zusammen zu fassen, was ich bisher auf dieser interessanten Reise gelernt habe.

Ohne weitere Umschweife hier also meine „lessons learned“, in keiner besonderen Reihenfolge:

Probleme lösen:

Eine Problemstellung herunter zu brechen in viele kleinst mögliche Probleme und diese dann Schritt für Schritt zu lösen. Oft schaut man auf eine Aufgabe oder ein Problem und ist zunächst überwältigt. Man weiß gar nicht so recht wo oder wie man anfangen soll. Programmieren hat eigentlich weniger damit zu tun irgendeinen Code einzuhacken, sondern ein Problem in viele kleinst mögliche Teilstücke herunter zu brechen, diese zu lösen und in eine formalisierte Sprache zu überführen damit der „dumme“ Computer auch versteht, was man von ihm eigentlich will, solange bis das große Hauptproblem gelöst ist. Programmieren hat mich auch wieder daran erinnert, dass diese Vorgehensweise auf ganz „normale“ Probleme im Alltag zutrifft. Man kann jedes Problem in eine Untermenge von Teilproblemen unterteilen und diese separat lösen. Schritt für Schritt.

Geduld:

Wenn man in seine alten Denkmuster verfällt („Wieso funktioniert das nicht?“), sich aktiv „zurücknehmen“ und dazu zwingen logisch Schritt für Schritt den Quellcode zu analysieren. Ich merke wie ich oft „faul“ werde und mir denke: „Das könnte so ungefähr funktionieren. Wird schon passen“ ohne es wirklich durchzudenken. Das rächt sich immer. Wenn man sein Programm nicht mit ausreichender Präzision im Kopf halten kann und genau weiß was das Programm wann macht, wird es unweigerlich zu einem „Bug“ kommen.

Langsam Denken:

„Langsames“ Denken [2] liegt mir und es ist absolut nicht schlimm, wenn man das Bedürfnis hat mehr über ein bestimmtes Konzept oder Programmierparadigma herauszufinden und sich auch dafür die Zeit nimmt. Man muss sich aktiv zwingen einen Gang runter zu schalten und langsam zu denken, denn oft ist man geneigt bestimmte Konzepte einfach schnell überfliegen zu wollen. Das sollte man nicht machen. Außerdem bedeutet langsames Denken auch, dass wenn man auf ein Konzept stößt, dieses gleich aus mehreren Perspektiven betrachtet, sich immer weiter hinunter in den Kaninchenbau begibt und mehr zu diesem Thema und dessen Hintergrund herausfindet. Natürlich muss man auch aufpassen, dass man sich in dem Kaninchenbau verirrt, irgendwann muss man auch wieder zurück zum Ausgangspunkt finden.

Freude über das Einfache:

Die unerwartete Freude ein auf den ersten Blick simples Konzept zu recherchieren und über seine Schönheit und Ästhetik zu staunen. Manchmal sind es die einfachen Dinge im Leben, die einen am meisten erfreuen und sich diese Fähigkeit mit steigendem Alter zu bewahren ist schwierig aber auch essentiell für ein erfülltes Leben.

Loslassen vom Perfektionismus:

Beim Programmieren gibt es immer mehrere Lösungen die zum Erfolg führen. Es gibt die komplizierte Lösung, die schnelle Lösung, die einfache Lösung und die elegante Lösung. Als Anfänger fällt man automatisch irgendwo zwischen die einfache und die komplizierte Lösung, da man noch nicht alle Funktionen und Arten der Lösung (oder auch Denkparadigmen) kennt (= einfach), formuliert man eine Lösung die unter Umständen sehr klobig und umständlich ist (=kompliziert). Das wichtigste am Anfang ist aber, dass man das Problem überhaupt löst und a) zu einem funktionierenden Programm kommt und b) versteht wieso das Programm genau das tut was es tun soll [3]. Erst danach kann man sich damit beschäftigen das Programm eleganter (= kleiner und schneller) zu machen.

Sich sauber und klar ausdrücken:

Beim Programmieren ist es wichtig den Code so zu schreiben, dass ein Mensch ihn möglichst leicht lesen und verstehen kann. Dem Computer (bzw. Compiler) ist es z.B. egal wie man seine Variablen benennt, aber wenn andere das Programm möglichst schnell begreifen können sollen, dann muss man sich klar und deutlich ausdrücken. Dieser andere Mensch kann man auch selbst zu einem späteren Zeitpunkt sein. Nichts ist schlimmer als nach ein paar Wochen nicht mehr zu wissen was man mit einer bestimmten Funktion in einem Programm machen wollte, weil man „quick and dirty“ Code geschrieben hat. Diese Lektion hat mich daran erinnert, dass dies auch für allgemeine Kommunikation gilt, egal ob schriftlich oder mündlich. Sich sauber, klar und präzise ausdrücken zu können ist ein essentieller Skill.

Programmieren ist letztlich auch eine Art der Kommunikation. Ich sehe es als eine Kommunikation auf drei Ebenen.

1.) Mit der Maschine

2.) mit anderen Programmierern

3.) mit dem Anwender

Dabei ist Punkt 3.) der wichtigste. Schließlich ist Programmieren ein Werkzeug um Probleme von Menschen (=Anwendern) zu lösen.

Mathematik , Algorithmen und Programmiersprachen besitzen die gleiche Schönheit und Eleganz wie Kunst:

Wenn ich mir Code von erfahrenen Programmierern anschaue, dann kann ich nicht anders, als über die Eleganz und Schönheit zu staunen. Es ist vergleichbar mit der  Erfahrung sich ein Kunstobjekt oder ein gut designtes Produkt anzuschauen, was in einem eine Resonanz auslöst und zu welchem man sich hingezogen fühlt. Natur- und Computerwissenschaften sind mindestens genauso schön und ästhetisch wie Kunst, Design und Geisteswissenschaften. Da Programmieren zum größten Teil aus dem Lesen von Code besteht, lernt man eleganten Code sehr zu schätzen. Schließlich schaue ich mir auch lieber den ganzen Tag das hier an:

anstatt diese Ausgeburt an Hässlichkeit:

Ehrlich, ich bin davon überzeugt, dass man Augenkrebs bekommen kann wenn man zu lange auf sowas schaut.

Sich auf fremden Code einlassen:

Gerade hatte ich erwähnt, dass programmieren zum Großteil aus dem Lesen von Code besteht. In diesem Zusammenhang ist es extrem wichtig sich auch wirklich auf den Code und damit auf die Denkweise von anderen Leuten einzulassen. Am Anfang ist es so, dass man beim Erstkontakt mit fremden Code denkt: „Hä? Was soll das denn? Wieso macht er das denn so? Das ist doch viel zu kompliziert?“ oder man versteht nicht sofort was der Code soll (siehe auch nächster Punkt) und verfällt in seine eigenen Denkmuster und Problemlösungstechniken. Man kann neue Arten Probleme zu lösen und seinen Werkzeugkasten zu erweitern nur dadurch erlernen, dass man offen gegenüber fremden Code ist, sich voll auf diesen einlässt und ihm eine „faire“ Chance gibt. Dies trifft im Übrigen auch auf andere Lebensbereiche zu. Es ist von Vorteil sich auf die Denkweise seines Gegenübers einzulassen und unvoreingenommen zu versuchen seine Sicht der Dinge nachzuvollziehen. Das erweitert den eigenen Horizont.

Mehr durch weniger:

Die Eleganz und Schönheit liegt meistens darin, Dinge weg zu lassen, zu vereinfachen und zu kürzen, gleichzeitig aber die Lesbarkeit und Verständlichkeit für den menschlichen Leser zu bewahren. Es gibt einen „sweet spot“ zwischen Kürze und Lesbarkeit. Es gibt Möglichkeiten mit denen man ganze Funktionen in eine Zeile schreiben kann. Das Problem dabei: sowas versteht kein Mensch mehr. Wenn man dann nicht exzessiv kommentiert um die Funktion in aller Fülle zu beschreiben ist das ein verlorener Fall, sollte sich jemals jemand den Code zu Gemüte führen. Das wäre über das Ziel hinausgeschossen. Ich bin ein Fan von sich selbst beschreibendem Code geworden, mit so wenig Kommentaren wie möglich. Der Code sollte so klar strukturiert und lesbar sein, dass er sich selbst erklärt, aber eben nicht zu aufgeblasen. Der Informatiker Hoare sagte folgendes: „There are two ways of constructing a software design: One way is to make it so simple that there are obviously no deficiencies, and the other way is to make it so complicated that there are no obvious deficiencies. The first method is far more difficult.“

Die Freude ein Problem zu lösen:

Die unglaublichen Glücksgefühle die einem beschert werden, wenn man ein relativ schwieriges Problem selbst gelöst hat und das Programm tatsächlich das tut was es tun soll (Stichwort Semantik). Im alltäglichen Arbeitsleben kann man sich glücklich schätzen, wenn man dieses Gefühl sporadisch erleben darf. Deshalb ist es gerade am Anfang wie ein Rausch, wenn man sieht wie die eigenen Programme nach stundenlangem „basteln“ genau das tun, was sie tun sollen. Ein Gefühl, welches man danach nicht mehr missen will.

Der „Kampf“ mit dem Schwierigen ist lohnenswert:

Die Schinderei und das Ringen mit einem schwierigen Problem ist auf mehreren Ebenen lohnenswert. Man lernt sich zu fokussieren, es gibt einem Selbstvertrauen, es nährt einen mental, es gibt einem eine neue bzw. andere Perspektive. Es ist nicht leicht sich durch ein kniffliges Problem durchzubeißen. Wenn man es aber schafft zu lernen sich durchzubeißen und am anderen Ende als Sieger herauskommt, sind die Vorteile gegen nichts aufzuwiegen. Man wird um so vieles bereichert.

Und das ist erst der Anfang…

Anmerkungen:

[1] Paul Graham ist der Gründer von Viaweb und Y Combinator. Viaweb war einer der allerersten Web-basierten Shopsysteme im Internet, mit dem die Benutzer sich einen eigenen Onlineshop erstellen und konfigurieren konnten. Die Firma hat er zusammen mit einem Freund gegründet und 1998 an Yahoo! für ca. 50 Millionen US-$ verkauft. Anschließend gründete er mit dem gleichen Freund und seiner Frau im Jahr 2005 Y Combinator, was ein sogenannter „seed accelerator“ für Startups ist. Es werden kleinere Summen Geld, Unterstützung und Beratung im Anfangsstadium für vielversprechende Startups geleistet. Firmen die von Y Combinator „gepusht“ wurden sind u.a. AirBnB, Dropbox, Stripe, Reddit u.v.m. Der geschätzte Wert von Y Combinator liegt irgendwo zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde US-$.

[2] Zu diesem Thema siehe auch das absolut fabelhafte, augenöffnende Buch von Daniel Kahnemann „Schnelles Denken, langsames Denken“.

[3] Ein Programm zum Funktionieren zu bringen besteht darin es syntaktisch und semantisch korrekt aufzubauen. Syntax bedeutet, dass man es in der jeweiligen Programmiersprache korrekt formalisiert, so dass es vom Compiler verstanden und korrekt in Maschinensprache übersetzt werden kann. Korrekte Semantik bedeutet, dass das Programm auch genau das tut, was man von ihm will. Man kann zwar ein auf den ersten Blick korrekt laufendes Programm haben, in dem Sinne dass es ohne Fehler ausgeführt wird, aber das bedeutet noch nicht, dass es auch logisch korrekt ist.

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Wieso brauchen wir Arbeit?

Passend zum 01.Mai – Tag der Arbeit – habe ich meine Gedanken zum Thema Arbeit aufgeschrieben. Viel Spaß beim Lesen. Ich würde mich über Eure Meinung zu dem Thema in den Kommentaren freuen.

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Wir leben in einer Zeit die sich durch ein besonders hohes Maß an Unsicherheit auszeichnet. Die Welt ist undurchsichtiger und weniger vorhersehbar als jemals zuvor, auch wenn wir durch Medien wie das Internet der subjektiven Meinung sind das dem nicht so ist. Und genau das ist der springende Punkt. Wir glauben, dass wir aufgrund unserer technologischen Fortschritte die Zukunft besser vorhersagen können als jemals zuvor. Doch es bleibt eine Illusion. Wir sehnen uns nach Ordnung, Kontrolle und Sicherheit. Vor 10.000 Jahren haben diese Eigenschaften über Leben und Tod entschieden und hatten damit einen sehr hohen Stellenwert für uns. Wir sind daher bereit sehr viel für diese Gefühle zu geben und zu zahlen [1].

Das ist auch ein Grund wieso wir Arbeit brauchen. Das Nachgehen einer Beschäftigung gibt uns ein Gefühl der Ordnung und Kontrolle. In einer chaotischen Welt können wir einen kleinen Aspekt unseres Lebens kontrollieren. Wir können ein Problem greifen und es lösen, in einer Art und Weise wie es uns in anderen Bereichen des Lebens nicht möglich ist. Es verschafft uns ein Gefühl der Errungenschaft und Befriedigung.

Es ist als ob unser ganzes Leben von unkontrollierbaren Emotionen gesteuert wird. Wir werden hin und her geworfen von den Erregungen und Ängsten die wir kaum verstehen und denen wir keinen Sinn abringen können. Da ist es nur verständlich, dass wir uns an etwas klammern, dass uns zumindest etwas Erleichterung verschafft.

Unsere Arbeit ist ein Aspekt in dem wir über eine Lebenszeit zu einem verblüffenden Verstehen kommen können. Wir erlangen einen Grad der Expertise, der keine Unklarheiten offen lässt. Für einen Spezialisten hat ein gewisser Aspekt des Lebens keine Mysterien mehr. Unser Gehirn schmachtet nach Sicherheit. Wir hassen es in der Luft zu hängen. Wir wollen in einer vollständig nachvollziehbaren, verständlichen Welt leben.

Aber geben wir uns letztlich nicht einer Illusion hin? Sind wir uns bewusst, dass wir lediglich einen Teilaspekt kontrollieren oder glauben wir, dass wir unser Leben kontrollieren? Machen wir uns etwas vor?

Die Auffassung durch unsere Arbeit nicht nur unseren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch gleichzeitig Erfüllung zu finden, ist recht neu. Im 18. Jahrhundert hatte man keine Zeit sich Gedanken um persönliche Erfüllung zu machen, wenn man 16 Stunden lang am Tag sein Feld bestellt hat. Erst durch die Industrialisierung und das anschließende Vernetzungszeitalter, durch das Internet, haben wir es geschafft uns so viel Freizeit und Bequemlichkeit zu erkaufen, dass wir Gedanken persönlicher Erfüllung nachsinnen können. Wir haben als Gesellschaft unsere Standards bezüglich unserer Arbeit stark angehoben. Das an sich ist nichts Schlechtes. Aber kann es sein, dass wir zu viel unseres persönlichen Glückempfindens an unsere Arbeit hängen? Vor 200 Jahren war es recht normal von seiner Arbeit nicht viel mehr als den Lebensunterhalt zu erwarten und seine Erfüllung in anderen nicht monetären Beschäftigungen zu suchen (sofern die Zeit dafür vorhanden war, wie gesagt 16 Stunden Feldarbeit). Wieso glauben wir heute, dass wir unsere Kreativität nur auf der Arbeit ausleben können? Ja, sogar müssen? Wieso erachten wir eine Beschäftigung nur als sinnvoll, wenn sie wirtschaftlich aussichtsreich zu sein verspricht? Reicht eine Arbeit, die uns einen guten Verdienst, angenehme Arbeitsumstände und Kollegen, moderaten Stress (idealerweise nur die gute Art von Stress – Eustress; und wenig bis gar keinen schlechten Stress – Disstress) und einen ausreichenden Grad an Sicherheit bringt, nicht vollkommen aus [2]? 7-8 Stunden um seinen „Lebensunterhalt“ zu verdienen und 7-8 Stunden für Freizeit oder seine Leidenschaft klingt für mich nicht so schlecht [3].

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen die genau dieses Vorgehen haben. Minimale Leistung auf Arbeit um dann zu Hause mit voller Energie seinen wahren Interessen nachzugehen und zu „leben“.

Irgendwo in der Mitte wird die Wahrheit liegen. Seine Ansprüche an seine Arbeit anzuheben und von ihr mehr zu verlangen als nur das Decken der Grundbedürfnisse ist eine gute Sache und gehört meiner Meinung nach zur Evolution der Menschheit dazu. Zu versuchen seine ganze Kreativität und sein Glücksempfinden aus seiner Arbeit zu beziehen, wäre ein Überspannen des Bogens. Wieviel Arbeit ist optimal? Welche Herangehensweise an die Arbeit ist optimal? Wird in 50 Jahren überhaupt noch jemand arbeiten müssen? Oder werden von KI (Künstliche Intelligenz) gesteuerte Maschinen alle Arbeit verrichten? Und was werden wir Menschen dann machen [4]?

Mich würde Eure Meinung dazu interessieren.

Anmerkungen:

[1] Das ist auch das Geschäftsmodell von Versicherungen. Versicherungen nutzen das Sicherheitsbedürfnis von Menschen aus, in Bereichen in denen die Statistik auf der Seite der Versicherungsgesellschaft ist. Damit wird der Profit erwirtschaftet.

[2] Sicherheit im Job ist eigentlich eine Illusion. Großkonzerne sind sehr gut darin einem Arbeitsplatzsicherheit zu verkaufen, auch wenn diese objektiv betrachtet gar nicht vorhanden ist.

[3] Eigentlich arbeitet man nur maximal 2-4 Stunden um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die restliche Zeit arbeitet man für „Luxus“. Überdimensionierte Wohnungen oder Häuser, Premium Automobile, Urlaub, etc. sind Luxusanschaffungen und keine grundlegenden Bedürfnisse.

[4] Das ist im Übrigen eine sehr interessante Fragestellung. Alle Entwicklung geht aktuell in Richtung KI (= Künstliche Intelligenz). Selbstlernende Algorithmen gibt es bereits schon und es ist nur eine Frage der Zeit bis KIs den Status einer „Superintelligenz“ erreicht haben. Damit wird der Vergleich zwischen einem Menschen und der KI wie der zwischen einem Menschen und einer Ameise. Und dann ist die wirklich entscheidende Frage was wir Menschen den lieben, langen Tag über treiben werden. Das mag aus der heutigen Perspektive wie ein triviales Luxusproblem erscheinen, aber das ist ein wirklich ernsthaftes psychologisches Problem. Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem kann ich nur das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari ans Herz legen.

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Sei kein Esel!

Ich musste heute wieder an eine Parabel denken die ich einmal gelesen hatte.

Ein Esel steht genau auf halbem Wege zwischen einem Heuhaufen und einem Wassertrog. Er kann sich nicht entscheiden ob er zuerst trinken oder fressen will. Er wendet sich unentschlossen erst zum Einen, dann zum Anderen, nur um sich wieder um zu entscheiden. Letztlich bricht der Esel verdurstend und verhungernd an Ort und Stelle zusammen.

Wenn man diese Geschichte liest, dann denken wir uns. „Blöder, alter Esel“. Es liegt doch ganz klar auf der Hand, dass er zuerst zum Wassertrog gehen und trinken kann, um anschließend zum Heuhaufen rüberzugehen und zu fressen. „Wo liegt das Problem?!“.

Und doch beobachte ich wie viele Menschen sich genauso verhalten wie der Esel, mich eingeschlossen. Es scheint ein Phänomen vorwiegend der jüngeren Generation zu sein. Wir haben uns viele Sachen vorgenommen und wollen gleich alles, am besten gleichzeitig. Wir verdammen die Gesellschaft dafür, dass sie uns zwingt uns für eine Sache zu entscheiden und dabei zu bleiben. Dabei realisieren wir aber nicht, dass wir durchaus alles haben und machen können. Eben nur nicht gleichzeitig. Wir können einige Jahre eine Sache machen, dann einige Jahre eine andere Sache dann vielleicht einige Jahre noch eine andere. Es erfordert lediglich Priorisierung und Geduld. Diese zwei Wörter sind schnell und einfach geschrieben und noch schneller gesagt, aber mit Sicherheit nicht leicht umgesetzt. Sobald wir uns auf eine Sache eingeschworen und diese einige Zeit verfolgt haben, setzt unser „Monkey Brain“ ein und springt mental schon wieder zur nächsten Sache. Auf einmal scheint uns unsere Prio 2 auf unserer Liste doch attraktiver zu erscheinen als die Prio 1. Eine kleine Abwechslung von der inzwischen monotonen Arbeit an Prio 1 kann doch nicht schaden, oder? Wir tun uns in dieser schnelllebigen Welt, die voller Möglichkeiten ist, sehr schwer Geduld zu haben und unsere Vorhaben der Reihe nach abzuarbeiten. Und so arbeiten wir an vielen Dingen gleichzeitig und kommen doch in keiner so recht voran.

Der amerikanische „Starinvestor“ Warren Buffett hat eine sehr einfache und doch kreative Herangehensweise wenn es um seine Ziele geht. Seinem langjährigen Privatpiloten hat er diese einmal verraten. Mache eine Liste mit 25 Dingen die du machen oder erreichen willst. Kreise die 5 absolut wichtigsten darunter ein, die du unbedingt in der nächsten Zeit machen oder erreichen willst. Übertrage diese 5 Dinge in eine neue Liste. Das wird deine neue „To-Do-Liste“. Die Ziele 6-25 aus deiner ersten Liste werden zu den „vermeide um jeden Preis“ Dingen. Am besten vergisst du diese so lange bis du deine TOP-5 umgesetzt hast.

Fokus ist in unserer Zeit anscheinend eine Superkraft.

Sei also bitte kein Esel.

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Das Leben ist kein Ponyhof

Das Leben eröffnet sich einem nicht immer wie ein Shakespeare Skript. Es wäre schön, wenn man diese Sicherheit hätte, dass alles so ablaufen wird, wie man sich das auf seinem 10-Jahres Plan ausgemalt hat. Keine Angstschübe mehr und Nervositätsattacken, ob man zudem fähig ist, wozu man ausgezogen ist, ob man seine hochgesteckten Ziele auch tatsächlich erreicht, ob man gut genug ist, ob man charmant genug ist, witzig genug und ob die „anderen“ billigen was man macht und einem einen wohlwollenden Regen aus Handküssen und Rosen bescheren.

Leider und Gott sei Dank läuft das Leben aber nunmal nicht so ab. Was wäre das auch für ein Leben wenn es den Nervenkitzel des Unbekannten nicht gäbe? Wenn wir schon von Anfang an wüssten wie eine Sache ausgeht, worin läge dann noch der Sinn diese Sache zu verfolgen?

Bei manchen Dingen müssen wir uns Durchbeißen bis zum bitteren Ende. Wir müssen es uns beweisen, dass wir es schaffen. Wir müssen kämpfen. Für unser Selbstvertrauen. Für unseren Eigenrespekt. Für das süße Gefühl eine wirklich harte Sache durchgezogen zu haben. Vielleicht wollen wir es auch ein Stück weit den „anderen“ Beweisen. Eltern, Geschwister, Freunde, entfernte Bekannte, dem Nachbars Hund. „HAA, du hässlicher Mops! Du hast mir all die Jahre immer umsonst diese skeptischen Blicke zugeworfen. Ich hab dir doch gesagt, dass ich das packe und jetzt sieh mich. Hä? Hä?! HÄÄÄ?!?! Da bist du baff, was? Bleibt dir gleich die Spucke weg!

Einige Dinge muss man aber auch loslassen. Man muss wissen, wann man sich übernommen hat, wann es zu viel wird. Vielleicht haben sich in der Zwischenzeit auch deine Grundwerte geändert und das ursprünglich angestrebte Ziel liegt genau entgegengesetzt zu deinem großen, ganzen Bild von deinem Wunschleben. Zu wissen wann man den Kopf senkt und trotz des Scheisse Regens der einem horizontal mitten in die Fresse fliegt, stur weiter geht und zu wissen wann man einfach umdreht, ist eine Kunst für sich. Es ist schwierig und erfordert sehr viel Reflexion. Es erfordert, dass man sich sehr gut kennen muss. Schon die weisen Philosophen der Antike sagten „Erkenne dich selbst.“ Es ist ein Prozess, der sehr schmerzhaft sein kann. Sich seinen vermeintlichen Schwächen zu stellen, diese anzuerkennen und offen und ehrlich zu zugeben, kommt einem selbstverpassten Tritt in die Eier gleich (sorry Ladies, ihr könnt euch nicht vorstellen was das für Schmerzen sind, andererseits kann ich nicht nachvollziehen was ein Tritt in euer Äquivalent an Schmerzen verursachen würde….egal, ich schweife ab, ihr wisst was ich meine).

Und doch bedeutet „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“.

Das Leben ist schon eine wundersame Abenteuerreise, bei der man nie weiß wohin sie einen trägt. Jeden Tag tun sich eintausend Optionen auf, die den Kurs deines Lebens grundsätzlich verändern können.

Ich erinnere mich wie ich als 19-jähriger auszog um das Weltall zu erobern. Ich wollte Raumfahrttechnik an der dafür renommiertesten Universität Deutschlands studieren. Als mir dann so langsam dämmerte, dass mir die Inhalte desjenigen Faches, welches das Grundfundament dieser Vertiefungsrichtung bildet, überhaupt nicht liegt, sah ich mich vor einem hässlichen, tiefen Abgrund stehen. Es ist nicht so, dass ich nicht alles gegeben hätte die Thermodynamik vollständig zu durchdringen. Ich habe mich reingekniet, wie ich das bei den meisten Sachen im Leben mache, und verwöhnt durch meine guten Schulnoten und den bisherigen Leistungen im Studium, hat mich die 4.0 fast erstickt. Wie sollte ich das scheiss Weltall erobern, wenn ich nicht mal die Grundlagen der Thermodynamik raffte? Da hat mir der 4. Hauptsatz der Thermodynamik auch nicht weitergeholfen: „Thermo schreibt man zweimal.

Ich habe lange und hart darüber nachgedacht, ob ich mir das Hauptstudium antun und mich weitere zwei Jahre mit Fächern quälen will, die allesamt auf der Thermodynamik aufbauen. Und danach? Im Beruf noch mehr davon? Ich kam damals zu dem Schluss meinen Traum loszulassen. Ich schwenkte um auf Fahrzeugtechnik und bin dadurch da gelandet wo ich heute bin. War das die richtige Entscheidung? Wo wäre ich im Leben jetzt, wenn ich mich trotz allem dazu entschieden hätte meinen ursprünglichen Traum durchzuziehen? Ich werde es nie erfahren. Ich bereue nichts und weiter darüber nachzudenken ist zu müßig.

Was ich damit sagen will ist, dass es sich immer lohnt sich dem Schmerz zu stellen. Sich rein zu lehnen und zu reflektieren, solange bis man eine gute Lösung gefunden hat, kann dein Leben verändern. Wenn du in deinem Leben Schmerz verspürst, dann will dir das Leben damit etwas sagen. Es ist deine Aufgabe herauszufinden was das ist und darauf zu handeln. Egal wie.

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Ohne Geschirr kein Plaisir

Eines Tages sitze ich also bei einem Kumpel von mir und der seufzt nur:

Ach Alex, die aktuelle Wirtschaftskrise macht mich einfach fertig. Keiner will mehr hochqualitatives Geschirr kaufen. Zumindest nicht für einen vernünftigen Preis. Am liebsten will jeder alles kostenlos haben. Verdammte Hyänen!

Ok, ok, der Einstieg in die Story war vielleicht etwas zu schnell. Kurz zum Hintergrund: Besagter Kumpel war damals bei einer bekannten Firma im Direktvertrieb tätig. Der Firmenname reimt sich irgendwie auf „Ashtray“, also nenne ich die Firma einfachhalber so. Um also bei Ashtray Geld verdienen zu können, musste man damals von Tür zu Tür ziehen, bei den Leuten klingeln und Ihnen Geschirr verkaufen. Töpfe, Pfannen und sonstiges Zeug. Staubsauger gab’s keine, die hatte sich schon eine Firma unter den Nagel gerissen, die sich auf Torzwerg reimt.

Na jedenfalls ertränkt der arme Teufel sich in seiner eigenen Küche in Selbstmitleid und Bier und heult sich bei mir aus. Ich schau mich in der Küche um und sage ihm:

Alter, ich weiß genau was dein Problem ist.

Echt jetzt? Wie denn das? Und komm’ mir jetzt ja nicht mit Unterhopfung. Wie du siehst arbeite ich daran ja schon fleißig.“ … sagte das bemitleidenswerte Geschöpf und hob seine Flasche zum Prost an.

Nö. Aber schau dich mal in deiner eigenen Küche um. Fällt dir was auf? Irgendwie sehe ich hier kein Geschirr von Ashtray.

Der arme Gollum: „Ach, das meinst du. Ja weißt du, ich hab doch so viele Schulden. Das Auto ist nur auf Pump und die monatliche Rate frisst mich fast auf. Außerdem musste ich mir doch wie du weißt die Zähne nach der letzten Schlägerei richten lassen. Da sind auch ein paar Tausender drauf gegangen. Jeden Monat zwei neue Games für meine Xbox, da bleibt einfach nichts mehr übrig. Höchstens Monat am Ende des Geldes. Ich kann mir unser eigenes Geschirr von Ashtray einfach nicht leisten.

Ich dachte zuerst er macht Scherze, aber diese Ausreden schienen durchaus ernst gemeint zu sein.

„Hör zu Gollum, ich denke du kannst es dir nicht leisten das tolle Geschirr von Ashtray NICHT zu haben. Wie willst du denn jemals jemandem etwas ernsthaft verkaufen, wenn du es dir selbst noch nichtmal verkauft hast? Jetzt stell dir mal vor du klopfst bei Gandalf dem Grauen an der Pforte und er lässt dich sogar tatsächlich rein. Du bist top vorbereitet, deine Präsentation ist der Hammer. Jetzt willst du den Abschluss machen und fragst nach der Bestellung und Gandalf fängt an: ‚Ach Herr Gollum, wissen Sie, ich muss noch die monatliche Rate meiner Pferdekutsche abzahlen. Letzte Woche hat mir Saruman nach einer Partie ELB ÄRGER DICH NICHT ein paar Zähne mit seinem Zauberstab aus der Fresse gezaubert. Als Ersatz musste ich mir bei den Zwergen etwas aus Gold anfertigen lassen. Außerdem brauche ich jeden Monat meine 10g WEED. Da bleibt am Ende des Monats einfach nichts übrig.’

Bei der herzzerreißenden Geschichte kriegst du doch gleich Mitleid, weil es DEINE Geschichte ist. Du identifizierst dich zu stark mit den Problemen des Kunden. Am Ende werden Gandalf und du euch heulend in den Armen liegen und DEIN letztes bisschen Weed wegrauchen, aber von Ashtray wirst du immer noch nichts verkauft haben.“

Mein Kumpel schaut mich ganz verdattert an. Dann wie in Zeitlupe im schlechtesten Hollywood Film dreht sich sein Kopf zu seiner offenen Küche. Dann wieder zu mir. Wieder zurück zur Küche. Wieder zu mir. Der Blick zunächst wie der von Frankenstein. Auf einmal der Anflug eines Lächelns. „Ahhh“, denke ich mir. Der Blick eines Verstehenden. Aber irgendwie liegt auf einmal ein unangenehmer Duft in der Luft und das Lächeln meines Freundes sieht mir zu sehr nach Befriedigung aus. Ok, also doch kein Verständnis auf Seiten meines Kumpels, eher Erleichterung. Aber es war nicht alles vergebens. Eine Stunde später inkl. 10 Minuten Frischluft vom offenen Fenster, hatte ich ihm sein eigenes Geschirr-Set verkauft.

Eine Woche später hatte mein Kumpel genügend weitere Sets verkauft, so dass er das Geld für sein eigenes Set bereits raus hatte.

Das war für mich ein Beweis mehr, dass man nur verkaufen kann woran man auch glaubt. Das bezieht sich nicht nur auf klassische Verkäufer die ein Produkt oder Dienstleistung verkaufen, sondern auf alle.

Man kann sich selbst nur verkaufen, wenn man auch an sich selbst glaubt (nein, jetzt bitte nicht auf den Strich gehen).

Man kann nur gute Arbeit leisten, wenn man auch an das glaubt woran man arbeitet.

Noch besser ist es wenn man liebt was man macht.

Ist das jetzt Wahnsinn?

Vor kurzem habe ich mich mit einem guten Freund unterhalten. Er hat etwas für mich sehr interessantes erlebt, was ich euch nicht vorenthalten will. Er hat eingewilligt, dass ich die Geschichte hier erzähle, möchte aber namentlich nicht genannt werden, da der ein oder andere Leser ihn kennen könnte.

Also, besagter Freund, nennen wir ihn der Einfachheit halber F., hat einen recht lukrativen Beruf. Zudem war er jahrelang Single und führt ein bescheidenes noch recht studentenhaftes Leben. Damit meine ich jetzt nicht das Studentenleben was ihr euch jetzt vielleicht vorstellt. Wilde Partys bei den Medizinerinnen am Dienstag, mit den Psychologinnen am Mittwoch und bei der Verbindung der Austauschstudentinnen aus dem Osten am Donnerstag. Lange Schlafen, keine Verpflichtungen und so weiter. Nein, ich meine eher in dem Sinne, dass man mit einer 350€ Miete und 150€ für Lebensmittel im Monat zurechtkommt, kein Auto besitzt und nicht viel mehr braucht um glücklich zu sein.

Lukrativer Job + niedrige monatliche Ausgaben – Freundin = sehr viel angespartes Geld

F. hat also sehr viel Geld auf der hohen Kante, sich bisher aber nicht sonderlich für Investitionen interessiert, weswegen die ganze Kohle mehr oder weniger auf dem Giro Konto vor sich hin gammelte. Eines Tages vor nicht allzu langer Zeit, also vor kurzem, lernt F. ein nettes Mädel kennen – nennen wir sie S. Nach einigem hin und her scheint klar zu sein, dass die beiden sich riechen können, also werden sie ein  Paar.

Ich fragte F. wie es ihm mit der neuen, frischen Beziehung gehe (immerhin hatte er vorher nie eine wirklich ernsthafte Beziehung geführt) und er sprudelte nur so über vor lauter Glück. Es fehlten nur noch Regenbogen kotzende Einhörner zum perfekten Glück.

 

Monatelang ging das anscheinend so weiter und ich hörte nicht mehr viel von F. Wir wohnen immerhin in unterschiedlichen Städten und mit telefonieren haben wir es beide nicht so sehr, also war der Kontakt eher lose. Irgendwann, zufällig muss ich an F. denken und schreibe ihn an, wie es ihm denn so gehe.

„Ach, ich weiß nicht. Ich glaube ich muss mit S. Schluss machen.“

„Waaaas?? Ich dachte sie wäre die Liebe deines Lebens und du bist überglücklich mit ihr?“

„Jaaa, aber irgendwie weiß ich nicht. Irgendetwas passt nicht.“

Ich denke mir noch „Ok, da stimmt was nicht“, also sage ich zu F. „Bleib ruhig und mach’ keinen Scheiß. Lass uns am Samstag treffen.“

Gesagt getan, also sitze ich am Samstag Abend bei ihm in seiner 1-Zimmer Butze. Nach ein paar Bierchen und dem üblichen hin-und-her Geplänkel um sich warm zu reden, kommt er endlich auf den Punkt.

„S. hat mir einen angeblich idiotensicheren Investment Tipp für mein brachliegendes Geld gegeben. Ich habe die Kohle investiert und jetzt ist sie so gut wie weg, weil das Investment ein Flop war.“

Nachdem ich das Bier, welches gerade dabei war genüsslich meine Kehle hinabzulaufen, quer über seinen 0,25m2 Wohnzimmer-/Esstisch verteilt hatte, musste ich erst lachen, dann weinen und dann nochmal nachfragen: „Du hast was?!“

Vielleicht noch kurz zum Hintergrund: Mein Freund F. hat eine technische Profession erlernt und arbeitet auch in einem entsprechenden Beruf. Er besitzt ein hoch analytisches Denkvermögen und kann sehr gut rationale Entscheidungen treffen. Auch wenn er sich mit dem Thema Investments noch nicht auseinander gesetzt hat, so ist er sehr wohl in der Lage zu entscheiden was ein vernünftiges Investment wäre und was ein eher unvernünftiges Investment wäre, da es einfach jeglicher rationaler Grundlage entbehrt. Seine Freundin S. ist Krankenschwester und hat sich in ihrem Leben auch noch nicht mit Investmöglichkeiten beschäftigt (die Geschichte wie sich F. und S. kennenlernten und wie sie zusammenkamen ist an sich ein eigenes Posting wert).

Also frage ich mich wie zur Hölle mein hochanalytischer Freund F. auf die Idee kommt „todsichere“ Investment Tipps von seiner Freundin S., der Krankenschwester, blindlings und halbwegs ungeprüft anzunehmen. Und zu allem Überfluss auf Grundlage dieses Witzes auch noch der Meinung zu sein, S. abschießen zu müssen (er hat mir eine Latte von Begründungen genannt wieso das Investment-Fiasko zum Schluss der Beziehung führen sollte, lasse diese hier aber mal aus diversen Gründen weg).

Ok, ich lasse meinen Freund also mit der Bitte zurück erstmal nichts zu tun und die Füße still zu halten. Achja, den Bier-Speichel-Mix aus meinem Mund auf seinem Couchtisch habe ich ebenfalls da gelassen.

Am nächsten Tag rufe ich also seine Freundin S. an, mit der Bitte um ein Treffen. Einfach so, bisschen plaudern, ganz locker mal hören wie sich mein Kumpel F. so macht und ob er sich auch zu benehmen weiß.

Ein paar Tage später treffen wir uns in einem Café. Wir sitzen nett beisammen und plaudern, ich weiß nicht so recht wie ich das Thema zur Sprache bringen soll, also platze ich einfach damit heraus: „Du, F. hat mir von deinem heißen Investment Tipp erzählt. Du hast schon mitbekommen, dass das Ganze ein ziemlicher Reinfall war?“

S.: „Waaas?! Echt jetzt? Scheisse, wie konnte das denn passieren? Mir wurde gesagt, dass das Ding wirklich todsicher ist.“

Ich: „Ahhjaa, es wurde dir gesagt? Darf ich denn fragen woher du den Tipp hast?“

S.: „Naja, im Krankenhaus war einer der Patienten um die ich mich gekümmert habe ein Investmentbanker. Er war wirklich ein sehr netter junger Mann. Der Investmentbanker hat mir da von einer todsicheren Anlagemöglichkeit erzählt. Ich bin in letzter Zeit so glücklich, dass ich F. habe und dass er immer so viel Geld für mich ausgibt, was wirklich nicht nötig wäre. Da wollte ich ihm etwas Gutes tun und habe den Investmentbanker gleich nach den ganzen Details gefragt und diese an F. weitergegeben.“

Diesmal konnte ich den Kaffee zumindest in mir behalten.

„Du weißt schon, dass F. jetzt kurz davor ist mit dir Schluss zu machen, wegen dieser ganzen Sache?“

S. war nicht so erfolgreich darin ihren Kaffee bei sich zu behalten. Egal, mein Pulli musste eh wieder gewaschen werden.

Ok, um die Geschichte mal kurz zusammen zu fassen und zu Ende zu bringen. Mein Freund F. ist super glücklich mit seiner neuen Freundin S. Zum ersten mal in seinem Leben fängt er an Geld auszugeben (wenn auch nicht für sich) – nicht dass das an sich etwas gutes wäre. Seine Freundin S. ist ebenfalls super glücklich mit ihrem Freund. So sehr, dass sie ihm zur Liebe (und vll. wegen einem schlechten Gewissen, dass er so viel Geld für sie ausgibt?) etwas Gutes tun will und ihn mit einem Investment Tipp versorgt. Mein Freund F. nimmt diesen blindlings an, ohne ihn zu prüfen. Nachdem die Sache schief läuft, ist er so sehr verletzt, dass er daran denkt mit seiner Freundin Schluss zu machen?

Ist das jetzt Wahnsinn oder was??

Aaaalso, was will ich mit dieser ausufernden Geschichte eigentlich sagen?

1.) Macht euer Lebensglück nicht von sowas wie Finanzen abhängig.

2.) Denkt für euch selber. Niemand ist dafür qualifiziert euch zu sagen wie ihr die Welt erlebt.

3.) Großartige Gelegenheiten haben niemals den Titel „großartige Gelegenheit“.

PS: F. und S. haben die Sache zum Guten geklärt und sind immer noch glücklich zusammen.

PPS: Danke an F., dass ich diese Geschichte teilen darf. S. weiß nichts davon.

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Die Macht und der Fluch unseres Gehirns

Zwei Vertriebsangestellte eines Schuhherstellers werden nach Afrika auf Feldreise geschickt, um den Markt zu sondieren und einen Bericht abzuliefern. Der erste Vertriebler kommt zurück, ganz deprimiert und niedergeschlagen. Er berichtet: „Es ist hoffnungslos. Keiner trägt Schuhe. Das ist kein Markt für uns“.

Der zweite Vertriebler kehrt ganz enthusiastisch und aufgekratzt zurück und berichtet: „Super Nachrichten. Keiner hat Schuhe. Die Wachstumschancen sind enorm. Der Markt hat sehr viel Potential für uns.“

Einer sieht keine Schuhe und alle Indizien weisen auf eine hoffnungslose Situation. Der andere sieht die selben Dinge und für ihn deutet alles auf reichhaltige Chancen. Jeder der beiden kommt mit seiner eigenen Perspektive nach Afrika und jeder kehrt mit einer anderen Geschichte zurück. Das Leben wird uns in Erzählform präsentiert. Es sind alles Geschichten die wir uns erzählen.

Die Wurzeln dieses Phänomens reichen viel weiter als nur die individuelle Einstellung oder der Charakter einer Person. Experimente der Neurowissenschaften haben ergeben, dass wir unsere Umwelt in ungefähr folgender Reihenfolge wahrnehmen: zuerst beliefern uns unsere Sinne mit einer Auswahl von dem was tatsächlich passiert, zweitens konstruiert unser Gehirn aus diesen Sinneseindrücken seine eigene Nachbildung und erst dann haben wir drittens unsere erste bewusste Erfahrung der Umwelt. D.h. die Welt dringt in unser Bewusstsein in Form einer bereits vorgezeichneten Karte ein, einer bereits erzählten Geschichte, einer Hypothese, einer Konstruktion unserer eigenen Montage.

Wir nehmen nur die Sinneseindrücke wahr auf die wir evolutionstechnisch programmiert sind und das sind meistens Informationen die kritisch für unser Überleben sind. Weiterhin ist unsere Wahrnehmung darauf beschränkt, dass wir nur wahrnehmen können wofür wir bereits eine mentale Karte oder vorsortierte Kategorie haben.

Wir sehen also nur eine Karte der Welt, nicht die Welt selber. Was ist das also für eine Karte die wir uns selber zeichnen? Die Antwort finden wir in der Realität der Biologie. Das Überleben des Stärksten. Wir nehmen nur Dinge wahr, die uns in erster Linie dazu dienen die Gefahren des Lebens zu erkennen und erfolgreich zu vermeiden.

In einem weiteren berühmten Experiment wurde dem äthiopischen Volksstamm der Bodi eine Fotografie gezeigt mit Menschen und Tieren darauf. Den Bodi war es nicht möglich das zweidimensionale Bild zu „lesen“. Sie haben das Papier befühlt und beschnüffelt, haben die Fotografie zerknüllt und auf das raschelnde Geräusch gehört, haben kleine Stückchen davon abgebissen und darauf rumgekaut, um das Foto zu schmecken. Sie konnten die Menschen und Tiere darauf nicht wieder erkennen, einfach weil sie kulturell keine mentale Karte für die Interpretation der Fotografie vorliegen hatten. Und doch setzen Menschen in unserer Kultur die Fotografie und das reale Objekt welches die Fotografie zeigt, selbstverständlich gleich, obwohl das eine eine Abstraktion des anderen ist.

Ein Mann erkannte in einem Zug Pablo Picasso und fragte ihn wieso er Menschen nicht so zeichne wie sie in der Realität seien. Picasso fragte den Mann was er genau damit meine. Der Mann öffnete seine Brieftasche, nahm ein Foto von seiner Frau heraus und sagte „Das ist meine Frau“. Picasso antwortete „Ist sie nicht eher klein und flach?“

Unser Verstand ist auch drauf ausgelegt Ereignisse zu einem Handlungsstrang aneinander zu reihen, egal ob es eine Verbindung zwischen den einzelnen Teilen gibt oder nicht. Wir produzieren gerne Begründungen für unsere Taten, damit diese logisch, konsequent, plausibel und so als ob sie durch das Prinzip von Ursache und Wirkung geleitet sind, unabhängig davon ob diese „Begründungen“ die wahren Beweggründe unserer Taten darstellen.

Experimente mit Leuten die Verletzungen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte erlitten haben (die Gehirnhälften konnten nicht mehr miteinander „kommunizieren“), zeigten folgendes verblüffendes Phänomen. Wenn die rechte Gehirnhälfte angewiesen wurde die Tür zu schließen (den Patienten wurde das rechte Auge abgedeckt und die Anweisung wurde nur vom linken Auge gelesen, welches von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird) hat die linke Gehirnhälfte unabhängig davon eine Begründung fabriziert wie „Oh, ich habe einen Luftzug gespürt“.

Das heißt im Grunde, dass alles erfunden ist. Das Leben das uns passiert, das wir wahrnehmen ist eine Geschichte die wir uns selbst erzählen. Und wenn eh alles erfunden ist, dann kann ich mir auch genauso gut eine Geschichte mit Bedeutung erzählen, eine die die Qualität meines Lebens und des Lebens der Personen in meinem Umfeld verbessert.

Der Rahmen den unser Verstand kreiert, definiert – und behindert – was wir als möglich erachten. Jedes Problem, jedes Dilemma, jede Sackgasse der wir uns im Leben stellen müssen, erscheint nur innerhalb eines bestimmten Rahmens unlösbar. Vergrößere den Rahmen oder kreiere einen neuen Rahmen um die Randbedingungen herum und die Probleme verschwinden, während sich neue Gelegenheiten auftun. Wir sollten uns also immer daran erinnern, dass alles eine Geschichte ist die wir uns erzählen und dass alles erfunden ist. Nicht nur einiges davon, sondern wirklich alles. Jede Geschichte basiert auf einem Netzwerk von versteckten Annahmen. Wenn du lernst diese wahrzunehmen und auseinander zu halten, wirst du auch in der Lage sein durch diese Barrieren zu stoßen und eine neue, positive Erzählung mit den für dich förderlichen Konditionen zu erfinden.

Also, wer ist dabei und verkauft mit mir Schuhe in Afrika? 🙂