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Das Leben ist kein Ponyhof

Das Leben eröffnet sich einem nicht immer wie ein Shakespeare Skript. Es wäre schön, wenn man diese Sicherheit hätte, dass alles so ablaufen wird, wie man sich das auf seinem 10-Jahres Plan ausgemalt hat. Keine Angstschübe mehr und Nervositätsattacken, ob man zudem fähig ist, wozu man ausgezogen ist, ob man seine hochgesteckten Ziele auch tatsächlich erreicht, ob man gut genug ist, ob man charmant genug ist, witzig genug und ob die „anderen“ billigen was man macht und einem einen wohlwollenden Regen aus Handküssen und Rosen bescheren.

Leider und Gott sei Dank läuft das Leben aber nunmal nicht so ab. Was wäre das auch für ein Leben wenn es den Nervenkitzel des Unbekannten nicht gäbe? Wenn wir schon von Anfang an wüssten wie eine Sache ausgeht, worin läge dann noch der Sinn diese Sache zu verfolgen?

Bei manchen Dingen müssen wir uns Durchbeißen bis zum bitteren Ende. Wir müssen es uns beweisen, dass wir es schaffen. Wir müssen kämpfen. Für unser Selbstvertrauen. Für unseren Eigenrespekt. Für das süße Gefühl eine wirklich harte Sache durchgezogen zu haben. Vielleicht wollen wir es auch ein Stück weit den „anderen“ Beweisen. Eltern, Geschwister, Freunde, entfernte Bekannte, dem Nachbars Hund. „HAA, du hässlicher Mops! Du hast mir all die Jahre immer umsonst diese skeptischen Blicke zugeworfen. Ich hab dir doch gesagt, dass ich das packe und jetzt sieh mich. Hä? Hä?! HÄÄÄ?!?! Da bist du baff, was? Bleibt dir gleich die Spucke weg!

Einige Dinge muss man aber auch loslassen. Man muss wissen, wann man sich übernommen hat, wann es zu viel wird. Vielleicht haben sich in der Zwischenzeit auch deine Grundwerte geändert und das ursprünglich angestrebte Ziel liegt genau entgegengesetzt zu deinem großen, ganzen Bild von deinem Wunschleben. Zu wissen wann man den Kopf senkt und trotz des Scheisse Regens der einem horizontal mitten in die Fresse fliegt, stur weiter geht und zu wissen wann man einfach umdreht, ist eine Kunst für sich. Es ist schwierig und erfordert sehr viel Reflexion. Es erfordert, dass man sich sehr gut kennen muss. Schon die weisen Philosophen der Antike sagten „Erkenne dich selbst.“ Es ist ein Prozess, der sehr schmerzhaft sein kann. Sich seinen vermeintlichen Schwächen zu stellen, diese anzuerkennen und offen und ehrlich zu zugeben, kommt einem selbstverpassten Tritt in die Eier gleich (sorry Ladies, ihr könnt euch nicht vorstellen was das für Schmerzen sind, andererseits kann ich nicht nachvollziehen was ein Tritt in euer Äquivalent an Schmerzen verursachen würde….egal, ich schweife ab, ihr wisst was ich meine).

Und doch bedeutet „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“.

Das Leben ist schon eine wundersame Abenteuerreise, bei der man nie weiß wohin sie einen trägt. Jeden Tag tun sich eintausend Optionen auf, die den Kurs deines Lebens grundsätzlich verändern können.

Ich erinnere mich wie ich als 19-jähriger auszog um das Weltall zu erobern. Ich wollte Raumfahrttechnik an der dafür renommiertesten Universität Deutschlands studieren. Als mir dann so langsam dämmerte, dass mir die Inhalte desjenigen Faches, welches das Grundfundament dieser Vertiefungsrichtung bildet, überhaupt nicht liegt, sah ich mich vor einem hässlichen, tiefen Abgrund stehen. Es ist nicht so, dass ich nicht alles gegeben hätte die Thermodynamik vollständig zu durchdringen. Ich habe mich reingekniet, wie ich das bei den meisten Sachen im Leben mache, und verwöhnt durch meine guten Schulnoten und den bisherigen Leistungen im Studium, hat mich die 4.0 fast erstickt. Wie sollte ich das scheiss Weltall erobern, wenn ich nicht mal die Grundlagen der Thermodynamik raffte? Da hat mir der 4. Hauptsatz der Thermodynamik auch nicht weitergeholfen: „Thermo schreibt man zweimal.

Ich habe lange und hart darüber nachgedacht, ob ich mir das Hauptstudium antun und mich weitere zwei Jahre mit Fächern quälen will, die allesamt auf der Thermodynamik aufbauen. Und danach? Im Beruf noch mehr davon? Ich kam damals zu dem Schluss meinen Traum loszulassen. Ich schwenkte um auf Fahrzeugtechnik und bin dadurch da gelandet wo ich heute bin. War das die richtige Entscheidung? Wo wäre ich im Leben jetzt, wenn ich mich trotz allem dazu entschieden hätte meinen ursprünglichen Traum durchzuziehen? Ich werde es nie erfahren. Ich bereue nichts und weiter darüber nachzudenken ist zu müßig.

Was ich damit sagen will ist, dass es sich immer lohnt sich dem Schmerz zu stellen. Sich rein zu lehnen und zu reflektieren, solange bis man eine gute Lösung gefunden hat, kann dein Leben verändern. Wenn du in deinem Leben Schmerz verspürst, dann will dir das Leben damit etwas sagen. Es ist deine Aufgabe herauszufinden was das ist und darauf zu handeln. Egal wie.

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Ohne Geschirr kein Plaisir

Eines Tages sitze ich also bei einem Kumpel von mir und der seufzt nur:

Ach Alex, die aktuelle Wirtschaftskrise macht mich einfach fertig. Keiner will mehr hochqualitatives Geschirr kaufen. Zumindest nicht für einen vernünftigen Preis. Am liebsten will jeder alles kostenlos haben. Verdammte Hyänen!

Ok, ok, der Einstieg in die Story war vielleicht etwas zu schnell. Kurz zum Hintergrund: Besagter Kumpel war damals bei einer bekannten Firma im Direktvertrieb tätig. Der Firmenname reimt sich irgendwie auf „Ashtray“, also nenne ich die Firma einfachhalber so. Um also bei Ashtray Geld verdienen zu können, musste man damals von Tür zu Tür ziehen, bei den Leuten klingeln und Ihnen Geschirr verkaufen. Töpfe, Pfannen und sonstiges Zeug. Staubsauger gab’s keine, die hatte sich schon eine Firma unter den Nagel gerissen, die sich auf Torzwerg reimt.

Na jedenfalls ertränkt der arme Teufel sich in seiner eigenen Küche in Selbstmitleid und Bier und heult sich bei mir aus. Ich schau mich in der Küche um und sage ihm:

Alter, ich weiß genau was dein Problem ist.

Echt jetzt? Wie denn das? Und komm’ mir jetzt ja nicht mit Unterhopfung. Wie du siehst arbeite ich daran ja schon fleißig.“ … sagte das bemitleidenswerte Geschöpf und hob seine Flasche zum Prost an.

Nö. Aber schau dich mal in deiner eigenen Küche um. Fällt dir was auf? Irgendwie sehe ich hier kein Geschirr von Ashtray.

Der arme Gollum: „Ach, das meinst du. Ja weißt du, ich hab doch so viele Schulden. Das Auto ist nur auf Pump und die monatliche Rate frisst mich fast auf. Außerdem musste ich mir doch wie du weißt die Zähne nach der letzten Schlägerei richten lassen. Da sind auch ein paar Tausender drauf gegangen. Jeden Monat zwei neue Games für meine Xbox, da bleibt einfach nichts mehr übrig. Höchstens Monat am Ende des Geldes. Ich kann mir unser eigenes Geschirr von Ashtray einfach nicht leisten.

Ich dachte zuerst er macht Scherze, aber diese Ausreden schienen durchaus ernst gemeint zu sein.

„Hör zu Gollum, ich denke du kannst es dir nicht leisten das tolle Geschirr von Ashtray NICHT zu haben. Wie willst du denn jemals jemandem etwas ernsthaft verkaufen, wenn du es dir selbst noch nichtmal verkauft hast? Jetzt stell dir mal vor du klopfst bei Gandalf dem Grauen an der Pforte und er lässt dich sogar tatsächlich rein. Du bist top vorbereitet, deine Präsentation ist der Hammer. Jetzt willst du den Abschluss machen und fragst nach der Bestellung und Gandalf fängt an: ‚Ach Herr Gollum, wissen Sie, ich muss noch die monatliche Rate meiner Pferdekutsche abzahlen. Letzte Woche hat mir Saruman nach einer Partie ELB ÄRGER DICH NICHT ein paar Zähne mit seinem Zauberstab aus der Fresse gezaubert. Als Ersatz musste ich mir bei den Zwergen etwas aus Gold anfertigen lassen. Außerdem brauche ich jeden Monat meine 10g WEED. Da bleibt am Ende des Monats einfach nichts übrig.’

Bei der herzzerreißenden Geschichte kriegst du doch gleich Mitleid, weil es DEINE Geschichte ist. Du identifizierst dich zu stark mit den Problemen des Kunden. Am Ende werden Gandalf und du euch heulend in den Armen liegen und DEIN letztes bisschen Weed wegrauchen, aber von Ashtray wirst du immer noch nichts verkauft haben.“

Mein Kumpel schaut mich ganz verdattert an. Dann wie in Zeitlupe im schlechtesten Hollywood Film dreht sich sein Kopf zu seiner offenen Küche. Dann wieder zu mir. Wieder zurück zur Küche. Wieder zu mir. Der Blick zunächst wie der von Frankenstein. Auf einmal der Anflug eines Lächelns. „Ahhh“, denke ich mir. Der Blick eines Verstehenden. Aber irgendwie liegt auf einmal ein unangenehmer Duft in der Luft und das Lächeln meines Freundes sieht mir zu sehr nach Befriedigung aus. Ok, also doch kein Verständnis auf Seiten meines Kumpels, eher Erleichterung. Aber es war nicht alles vergebens. Eine Stunde später inkl. 10 Minuten Frischluft vom offenen Fenster, hatte ich ihm sein eigenes Geschirr-Set verkauft.

Eine Woche später hatte mein Kumpel genügend weitere Sets verkauft, so dass er das Geld für sein eigenes Set bereits raus hatte.

Das war für mich ein Beweis mehr, dass man nur verkaufen kann woran man auch glaubt. Das bezieht sich nicht nur auf klassische Verkäufer die ein Produkt oder Dienstleistung verkaufen, sondern auf alle.

Man kann sich selbst nur verkaufen, wenn man auch an sich selbst glaubt (nein, jetzt bitte nicht auf den Strich gehen).

Man kann nur gute Arbeit leisten, wenn man auch an das glaubt woran man arbeitet.

Noch besser ist es wenn man liebt was man macht.

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Jung und dumm

Ich erinnere mich immer gerne an meine Jugend zurück. Man war jung, dumm und hat das Geld gebraucht. Nein, eigentlich war Geld einem scheiß egal, solange man mit seinen Kumpels Zeit hatte ein paar Games zu zocken oder sich zu besaufen und völligen Blödsinn auf dem Dorf zu machen. Und dafür war immer Zeit. Immerhin haben wir so gut wie nie gelernt. War meistens auch nicht nötig. So im Nachhinein muss ich sagen, dass das auf jeden Fall die richtige Vorgehensweise war. Wir haben nichts verpasst, gute Schulabschlüsse gemacht und gute Berufe erlernt. Also anscheinend alles richtig gemacht. Oh Gott, ich hoffe nur dass das meine ungeborenen Kinder nie lesen werden.

Ja, ich bin ein Dorfkind. Mehr oder weniger, aber eine Stadt mit 8.000 Einwohnern ist für mich auch ein Kaff. Vor allem wenn viele deiner Freunde in den umliegenden wahren Käffern wohnen.

Es ist auf jeden Fall Wochenende und was machen gelangweilte Kids an einem Freitag Abend? Röööchtööch. Baar Bierchen ploppen und mit Wodka Brause toppen (bäh, wie konnte man diese eklige Scheisse überhaupt jemals trinken??). Bei so einem gemütlichen Beisammensein auf dem Lande kommen einem die besten Ideen. Oder auch die dümmsten. Ich glaube damals war die amerikanische Sendung „Jack Ass“ (mit Johnny Knoxville und Steve-O) voll im Trend. Auf jeden Fall kommt dann eins der Dorfkinder auf die Idee, dass man doch den alten, halb ramponierten Golf 2 seiner Mutter aus der Scheune fahren und damit etwas auf den Feldern anstellen könnte. Aber was nur? Übrigens, aus unserer Truppe war damals glaube ich nur einer 18, der Rest müsste um die 16 gewesen sein. Aber Auto fahren konnten wir damals eh schon alle. Dorf eben. Hatte ja schon gesagt, dass wir nichts zu tun hatten. Die Polizei hat uns nach den Feiern eher noch freiwillig heim gefahren, damit wir mit unseren Fahrrädern nicht besoffen auf den Bundesstraßen rumfahren. Aber egal, ich schweife ab.

Was kann also ein Haufen 16-jähriger mitten auf dem Dorf mit dem alten Golf 2 einer bemitleidenswerten Mutter und quasi den weiten, unendlichen Feldern von Langweilhausen alles anstellen?

Ich weiß nicht mehr wer auf die Idee gekommen ist, aber es spielte sich folgendes ab. Auto aufs Feld gefahren. Kofferraum auf. Einer setzt sich rein, Gesicht nach draußen und hält ein dickes Seil fest. Am anderen Ende des Seils hält sich der „Jack Ass“ fest. Eingehüllt in dicke, alte Klamotten und Handschuhe legt man sich auf den Boden und lässt sich quasi von dem Auto über den Acker schleifen. Vorne im Golf sitzt also eine grölende Horde besoffener Bauern und schleift einen armen, aber laut lachenden „Volltrottel“ hinter sich her. Natürlich blieb es nicht bei einem Volltrottel. Fast jeder wollte mal auf die „Achterbahn des Todes“.

Wir haben den armen, guten alten Golf ganz schön ramponiert. Ich glaube ein bis Zwei Abschnitte von Lattenzäunen mussten dran glauben, weil wir besoffen und ohne Licht einfach durchgeballert sind. Einmal haben wir den Golf in einen kleinen Bachlauf gesetzt. Da der Golf aber so gut wie nix gewogen hat, konnten wir das Auto aber mehr oder weniger problemlos rausbugsieren. Man kann sich ja vorstellen wie eine Horde unkoordinierter Jugendlicher versucht ein im Flussbett festgefahrenes Auto rauszuholen. „Jetzt, jetzt. Gas, Gas, Gas. Äääääh, Alter du hast mich total vollgespritzt. Lass mich ma’ ran da. Du schieb lieber…..“. So ging das mehr oder weniger einmal reih um bis jeder einmal im Schlamm gesteckt und nachher auf dem Fahrersitz gesessen hat.

Insgesamt hat diese „Feldtour“ nicht gerade zur Schönheit und Ansehnlichkeit des Golfs beigetragen. Eigentlich sah das Auto danach wie Sau aus. Das Flussbett und die Lattenzäune haben ihren Teil zu Beulen und Dreck beigetragen. Von unseren vom Feld geschundenen Körpern (Schürfwunden und handtellergroße blaue Flecken – jaaahh, auf einem Feld liegt auch ab und zu mal ein Stein oder festgetretener Haufen Erde).

So what. No risk. No fun.

Welche Lehren kann man aus dieser Geschichte eigentlich ziehen? Nicht viele glaube ich, außer dass ihr mit euren Kindern auf keinen Fall aufs „idyllische Land“ ziehen solltet. Den Kids wird so langweilig, dass sie auf einmal in ungeahnte kreative Sphären vordringen und, naja, was dabei rauskommt habt ihr ja eben gelesen.

FAIL!

Oder doch nicht?

Was meint ihr?

Wer hat Horst entführt ??

Den lustigsten Unfug habe ich auf einer Party einer Studentenverbindung zu meinen Studienzeiten erlebt. Die Partys im Verbindungshaus wurden „privat“ abgehalten, was bedeutete, dass die Bewohner des Verbindungshauses ihre Freunde einladen durften. Ok, wir wissen was das heißt. Gefühlt waren alle Maschis da. Mäh, wie langweilig. 300 pickelige Kerle und 3 Mädels, könnt ihr euch ja vorstellen wie es da abgegangen ist.

Naja, egal. Bier gab es mehr als reichlich. Das war uns damals gut genug.

Irgendwann wurde es sehr spät – oder auch sehr früh – und übrig blieben nur noch die Bewohner des Hauses und einige sehr gute Freunde derer. Unter ihnen auch ich. Irgendwie lümmeln wir also bei einem auf dem Zimmer rum und die meisten sind entweder hacke dicht von Alkohol oder sonstigem Stoff oder pennen anderweitig. Kommt beides auf’s selbe raus: keiner ist bei Bewusstsein.

Ich stolper also irgendwie die Treppe runter und komme am Zimmer der Maskottchen vorbei. Zum Hintergrund: Die Maskottchen dieser Verbindung waren zwei Pinguin Kuscheltierchen, namentlich Herbert und Horst, und wurden immer in einem bestimmten Zimmer aufbewahrt. Diese wurden immer auf das alljährlich stattfindende Eishockey Turnier zwischen Maschis, Elektrotechnikern und den Mediziner mitgenommen. Kurz der Uni-Cup, eine riesen Gaudi. Dort haben sich die drei Fakultäten immer gegenseitig auf dem Eis „gebattled“, inkl. Showeinlage von den Studis mit selbstgebauten Wikingerschiffen aus Pappmasche oder Galgen an denen Puppen mit Arztkittel aufgehängt wurden. Auf jeden Fall eine geile Sache und jeder hat sich auf dieses Event gefreut.

Die Verbindung bei der die Party stattfand hat immer diese zwei Pinguin Maskottchen auf den Uni-Cup mitgenommen, da das schon seit jeher dort Tradition war.

Naja, jedenfalls komme ich an dem Zimmer vorbeigestolpert und an der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift „HERBERT, HERBERT! WER HAT HERBERT GESTOHLEN?“.

Ich schaue also ins Zimmer rein und normalerweise haben Herbert und Horst immer ihren ganz besonderen Platz in einer Vitrine. Ein Platz ist leer, anscheinend der von Herbert. Alles klar, denke ich mir, da hat sich jemand einen Scherz erlaubt. Dazu sollte man noch sagen, dass der Uni-Cup immer am Donnerstag nach Nikolaus stattfindet und es war Mitte November, also nicht weit hin bis Nikolaus. In meinem benebelten Zustand dachte ich es wäre lustig Horst auch noch mitgehen zu lassen und zu verstecken, also habe ich ihn kurzerhand aus der Vitrine geholt.

Irgendwie erschien es mir lustig ihn beim „Papst“ zu verstecken. Wer mit Studentenverbindungen nicht so vertraut ist, wird sich jetzt vielleicht fragen, wieso das römisch-katholische Oberhaupt der Kirche hart mit Maschis abfeiert. Schön wär’s, so ist es aber nicht. Der „Papst“ ist nichts anderes als ein Speibecken, besser bekannt als die Schüssel in die gekotzt werden muss. Ich denke das sollte als Erklärung reichen. Ich dachte mir auf jeden Fall, dass irgendwann im Laufe des Abends der ein oder andere mal „papsten“ gehen muss und Horst somit recht schnell gefunden wird. Natürlich habe ich den armen Horst nicht direkt im Rachen des Papstes versteckt. Wer würde denn sowas ekliges tun? Ich habe ihn sicher und trocken im Badezimmerschränkchen unter dem Spülbecken versteckt, welches zum Raum des Papstes gehörte.

Nachdem ich noch mit ein paar Jungs geplaudert hatte, bin ich dann irgendwann mit meinem vom Bikesharing geliehenen Hollandrad heim gegurkt. Mit Bikesharing meine ich im übrigen, ich habe den rostigen Drahtesel aus dem nächsten Graben rausgezogen, bin heim geradelt und habe es in der Nähe meiner Wohnung in den nächstbesten Graben geschmissen, damit der nächste Studi ohne Transportmittel das Bike wieder benutzen kann. Ich weiß zwar nicht wo die ganzen alten, rostigen Klappermühlen herkamen, aber derjenige der dieses geile und kostenlose Bike Sharing eingeführt war genial.

Am nächsten Tag (Sonntag) kriege ich einen Anruf. In der Studiverbindung ist etwas passiert, ich solle doch bitte vorbeikommen. Ich komme an – diesmal mit dem Bus, das Bikesharing darf man nämlich nur benutzen wenn man mehr als 1,6 Promille hat und ich war mir nicht sicher ob ich nicht schon unter die Grenze genüchtert bin. Die Verbindungsmitglieder laufen wie wild durch die Gegend. P. – der Hüter von Herbert und Horst ist mächtig angepisst. Bald ist Uni-Cup und für die Maskottchen war großes geplant, bla, bla, bla.

Dazu muss ich sagen, dass Herbert, das zuerst geklaute Maskottchen recht schnell noch in der Partynacht gefunden wurde. Das Versteck war nicht besonders originell – einfach im Bett von P.. Nachdem der ursprüngliche Dieb seine gerechte Tracht Prügel bekommen hat und glaubwürdig versichern konnte, dass er NUR Herbert entführt hatte, dem armen Horst aber keine Feder gekrümmt hatte, war klar dass noch ein zweiter Dieb seine dreckigen Finger im Spiel hatte.

Anscheinend war es so, dass am Abend zuvor niemand „papsten“ musste und somit auch niemand auch nur die Gelegenheit hatte Horst zu finden. Da der Audienzraum des Papstes auch nur bei Feierlichkeiten benutzt wird und in das Badezimmerschränkchen nie jemand schaut, dämmerte mir langsam dass mein Versteck ein ziemlich gutes war.

Ok zurück, zum armen, verprügelten ersten Dieb. Nachdem der aussah wie Axel Schulz nach seinem Kampf gegen Klitschko 1999, fragte mich P.:

„Koch, hast du Horst verschleppt?“

„Ooooh jaaa, das hab ich. Siehst du die Kratzer an meinen Händen? Die habe ich bekommen, als der ahnungslose Horst gemerkt hat, dass ich ihn nicht nur streicheln, sondern entführen will. Er hat mir einen duften Kampf geliefert und meine geschundenen Hände sind der Beweis für seine Tapferkeit“. Dabei grinste ich dreckig und streckte meine makellosen, unverkratzen Hände vor. Irgendwie waren die anderen mit meiner Antwort nicht zufrieden. Kurz, sie glaubten mir nicht.

Nachdem Horst nun schon seit über einer Woche verschwunden war, der Uni-Cup immer näher rückte und der arme P. bald vollkommen irre vor Sorge wurde, musste etwas unternommen werden.

Irgendwann saßen wir wieder beisammen und es wurde gefragt ob einer eine Idee hätte wie man denn endlich Horst seinem Entführer entreißen konnte.

Einer macht einen Vorschlag. Dann ein anderer. Aber keiner kann so wirklich überzeugen.

Irgendwann stehe ich auf und sage: „Ok. Wer auch immer Horst entführt hat. Du bist ein Genie. Wir verbeugen uns vor deiner genialen Gerissenheit und huldigen dir auf Ewig. Du brauchst uns nicht zu sagen wer du bist, wir wollen nur wissen wo du unseren heiligen Horst hin verschleppt hast. Wenn du uns einfach irgendwo einen Zettel hinterlässt mit einem Hinweis wo er sich befindet, dann werden wir dir auf Ewig dankbar sein und deinem Supergenie gedenken.“

P., der den größten Leidensdruck hatte und als nächster mit einer Idee dran wäre, kommt mit einem weiteren Vorschlag.

„Lasst uns der Reihe nach jeden einzeln befragen und sein Ehrenwort auf die Verbindung geben, dass er die Wahrheit sagt.“

Alle willigen ein, also macht Peter die Runde.

„Felix, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Thomas, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Koch, hast du Horst entführt?“

„Jap.“

„Hör auf mit dem Scheiß, Koch. Das ist eine ernste Angelegenheit!“

„Andi, hast du Horst entführt?….“

So ging das der Reihe nach, bis jeder dran war. Scheisse, alle haben verneint. Es musste eine wirklich verlogene Ratte unter uns geben, der sogar das Ehrenwort der Verbindung scheiss egal war.

Bevor ich an dem Abend ging, habe ich einen kleinen Zettel mit einer Zeichnung vom Papst und dem Waschbecken inkl. Schränkchen mit Horst darin im Flur der Verbindung hinterlassen. Die Zeichnung hätte auch mit fliegenden Schweinen im Weltall verwechselt werden können, aber am nächsten Tag wurde Horst gefunden und alle waren glücklich.

Irgendwann Wochen oder Monate später, als wieder auf einer Verbindungsparty lustige Geschichten von früher erzählt wurden, habe ich nochmals zugegeben, dass ich Horst entführt hatte. Alle haben nur gelacht und mich als Lügner bezeichnet und dass ich mich mit den Lorbeeren schmücken wollte. Keiner konnte sich mehr daran erinnern, dass ich bei der Befragung die Wahrheit gesagt und mit „Ja“ geantwortet habe. Alle waren der Meinung, dass alle „Nein“ gesagt haben.

Schon irgendwie cool, wenn man so ehrlich ist, dass einem niemand glaubt.