Archiv des Autors: lexiz

Photo by Mike Erskine on Unsplash

Das Leben ist kein Ponyhof

Das Leben eröffnet sich einem nicht immer wie ein Shakespeare Skript. Es wäre schön, wenn man diese Sicherheit hätte, dass alles so ablaufen wird, wie man sich das auf seinem 10-Jahres Plan ausgemalt hat. Keine Angstschübe mehr und Nervositätsattacken, ob man zudem fähig ist, wozu man ausgezogen ist, ob man seine hochgesteckten Ziele auch tatsächlich erreicht, ob man gut genug ist, ob man charmant genug ist, witzig genug und ob die „anderen“ billigen was man macht und einem einen wohlwollenden Regen aus Handküssen und Rosen bescheren.

Leider und Gott sei Dank läuft das Leben aber nunmal nicht so ab. Was wäre das auch für ein Leben wenn es den Nervenkitzel des Unbekannten nicht gäbe? Wenn wir schon von Anfang an wüssten wie eine Sache ausgeht, worin läge dann noch der Sinn diese Sache zu verfolgen?

Bei manchen Dingen müssen wir uns Durchbeißen bis zum bitteren Ende. Wir müssen es uns beweisen, dass wir es schaffen. Wir müssen kämpfen. Für unser Selbstvertrauen. Für unseren Eigenrespekt. Für das süße Gefühl eine wirklich harte Sache durchgezogen zu haben. Vielleicht wollen wir es auch ein Stück weit den „anderen“ Beweisen. Eltern, Geschwister, Freunde, entfernte Bekannte, dem Nachbars Hund. „HAA, du hässlicher Mops! Du hast mir all die Jahre immer umsonst diese skeptischen Blicke zugeworfen. Ich hab dir doch gesagt, dass ich das packe und jetzt sieh mich. Hä? Hä?! HÄÄÄ?!?! Da bist du baff, was? Bleibt dir gleich die Spucke weg!

Einige Dinge muss man aber auch loslassen. Man muss wissen, wann man sich übernommen hat, wann es zu viel wird. Vielleicht haben sich in der Zwischenzeit auch deine Grundwerte geändert und das ursprünglich angestrebte Ziel liegt genau entgegengesetzt zu deinem großen, ganzen Bild von deinem Wunschleben. Zu wissen wann man den Kopf senkt und trotz des Scheisse Regens der einem horizontal mitten in die Fresse fliegt, stur weiter geht und zu wissen wann man einfach umdreht, ist eine Kunst für sich. Es ist schwierig und erfordert sehr viel Reflexion. Es erfordert, dass man sich sehr gut kennen muss. Schon die weisen Philosophen der Antike sagten „Erkenne dich selbst.“ Es ist ein Prozess, der sehr schmerzhaft sein kann. Sich seinen vermeintlichen Schwächen zu stellen, diese anzuerkennen und offen und ehrlich zu zugeben, kommt einem selbstverpassten Tritt in die Eier gleich (sorry Ladies, ihr könnt euch nicht vorstellen was das für Schmerzen sind, andererseits kann ich nicht nachvollziehen was ein Tritt in euer Äquivalent an Schmerzen verursachen würde….egal, ich schweife ab, ihr wisst was ich meine).

Und doch bedeutet „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“.

Das Leben ist schon eine wundersame Abenteuerreise, bei der man nie weiß wohin sie einen trägt. Jeden Tag tun sich eintausend Optionen auf, die den Kurs deines Lebens grundsätzlich verändern können.

Ich erinnere mich wie ich als 19-jähriger auszog um das Weltall zu erobern. Ich wollte Raumfahrttechnik an der dafür renommiertesten Universität Deutschlands studieren. Als mir dann so langsam dämmerte, dass mir die Inhalte desjenigen Faches, welches das Grundfundament dieser Vertiefungsrichtung bildet, überhaupt nicht liegt, sah ich mich vor einem hässlichen, tiefen Abgrund stehen. Es ist nicht so, dass ich nicht alles gegeben hätte die Thermodynamik vollständig zu durchdringen. Ich habe mich reingekniet, wie ich das bei den meisten Sachen im Leben mache, und verwöhnt durch meine guten Schulnoten und den bisherigen Leistungen im Studium, hat mich die 4.0 fast erstickt. Wie sollte ich das scheiss Weltall erobern, wenn ich nicht mal die Grundlagen der Thermodynamik raffte? Da hat mir der 4. Hauptsatz der Thermodynamik auch nicht weitergeholfen: „Thermo schreibt man zweimal.

Ich habe lange und hart darüber nachgedacht, ob ich mir das Hauptstudium antun und mich weitere zwei Jahre mit Fächern quälen will, die allesamt auf der Thermodynamik aufbauen. Und danach? Im Beruf noch mehr davon? Ich kam damals zu dem Schluss meinen Traum loszulassen. Ich schwenkte um auf Fahrzeugtechnik und bin dadurch da gelandet wo ich heute bin. War das die richtige Entscheidung? Wo wäre ich im Leben jetzt, wenn ich mich trotz allem dazu entschieden hätte meinen ursprünglichen Traum durchzuziehen? Ich werde es nie erfahren. Ich bereue nichts und weiter darüber nachzudenken ist zu müßig.

Was ich damit sagen will ist, dass es sich immer lohnt sich dem Schmerz zu stellen. Sich rein zu lehnen und zu reflektieren, solange bis man eine gute Lösung gefunden hat, kann dein Leben verändern. Wenn du in deinem Leben Schmerz verspürst, dann will dir das Leben damit etwas sagen. Es ist deine Aufgabe herauszufinden was das ist und darauf zu handeln. Egal wie.

Photo by Clem Onojeghuo on Unsplash

Ohne Geschirr kein Plaisir

Eines Tages sitze ich also bei einem Kumpel von mir und der seufzt nur:

Ach Alex, die aktuelle Wirtschaftskrise macht mich einfach fertig. Keiner will mehr hochqualitatives Geschirr kaufen. Zumindest nicht für einen vernünftigen Preis. Am liebsten will jeder alles kostenlos haben. Verdammte Hyänen!

Ok, ok, der Einstieg in die Story war vielleicht etwas zu schnell. Kurz zum Hintergrund: Besagter Kumpel war damals bei einer bekannten Firma im Direktvertrieb tätig. Der Firmenname reimt sich irgendwie auf „Ashtray“, also nenne ich die Firma einfachhalber so. Um also bei Ashtray Geld verdienen zu können, musste man damals von Tür zu Tür ziehen, bei den Leuten klingeln und Ihnen Geschirr verkaufen. Töpfe, Pfannen und sonstiges Zeug. Staubsauger gab’s keine, die hatte sich schon eine Firma unter den Nagel gerissen, die sich auf Torzwerg reimt.

Na jedenfalls ertränkt der arme Teufel sich in seiner eigenen Küche in Selbstmitleid und Bier und heult sich bei mir aus. Ich schau mich in der Küche um und sage ihm:

Alter, ich weiß genau was dein Problem ist.

Echt jetzt? Wie denn das? Und komm’ mir jetzt ja nicht mit Unterhopfung. Wie du siehst arbeite ich daran ja schon fleißig.“ … sagte das bemitleidenswerte Geschöpf und hob seine Flasche zum Prost an.

Nö. Aber schau dich mal in deiner eigenen Küche um. Fällt dir was auf? Irgendwie sehe ich hier kein Geschirr von Ashtray.

Der arme Gollum: „Ach, das meinst du. Ja weißt du, ich hab doch so viele Schulden. Das Auto ist nur auf Pump und die monatliche Rate frisst mich fast auf. Außerdem musste ich mir doch wie du weißt die Zähne nach der letzten Schlägerei richten lassen. Da sind auch ein paar Tausender drauf gegangen. Jeden Monat zwei neue Games für meine Xbox, da bleibt einfach nichts mehr übrig. Höchstens Monat am Ende des Geldes. Ich kann mir unser eigenes Geschirr von Ashtray einfach nicht leisten.

Ich dachte zuerst er macht Scherze, aber diese Ausreden schienen durchaus ernst gemeint zu sein.

„Hör zu Gollum, ich denke du kannst es dir nicht leisten das tolle Geschirr von Ashtray NICHT zu haben. Wie willst du denn jemals jemandem etwas ernsthaft verkaufen, wenn du es dir selbst noch nichtmal verkauft hast? Jetzt stell dir mal vor du klopfst bei Gandalf dem Grauen an der Pforte und er lässt dich sogar tatsächlich rein. Du bist top vorbereitet, deine Präsentation ist der Hammer. Jetzt willst du den Abschluss machen und fragst nach der Bestellung und Gandalf fängt an: ‚Ach Herr Gollum, wissen Sie, ich muss noch die monatliche Rate meiner Pferdekutsche abzahlen. Letzte Woche hat mir Saruman nach einer Partie ELB ÄRGER DICH NICHT ein paar Zähne mit seinem Zauberstab aus der Fresse gezaubert. Als Ersatz musste ich mir bei den Zwergen etwas aus Gold anfertigen lassen. Außerdem brauche ich jeden Monat meine 10g WEED. Da bleibt am Ende des Monats einfach nichts übrig.’

Bei der herzzerreißenden Geschichte kriegst du doch gleich Mitleid, weil es DEINE Geschichte ist. Du identifizierst dich zu stark mit den Problemen des Kunden. Am Ende werden Gandalf und du euch heulend in den Armen liegen und DEIN letztes bisschen Weed wegrauchen, aber von Ashtray wirst du immer noch nichts verkauft haben.“

Mein Kumpel schaut mich ganz verdattert an. Dann wie in Zeitlupe im schlechtesten Hollywood Film dreht sich sein Kopf zu seiner offenen Küche. Dann wieder zu mir. Wieder zurück zur Küche. Wieder zu mir. Der Blick zunächst wie der von Frankenstein. Auf einmal der Anflug eines Lächelns. „Ahhh“, denke ich mir. Der Blick eines Verstehenden. Aber irgendwie liegt auf einmal ein unangenehmer Duft in der Luft und das Lächeln meines Freundes sieht mir zu sehr nach Befriedigung aus. Ok, also doch kein Verständnis auf Seiten meines Kumpels, eher Erleichterung. Aber es war nicht alles vergebens. Eine Stunde später inkl. 10 Minuten Frischluft vom offenen Fenster, hatte ich ihm sein eigenes Geschirr-Set verkauft.

Eine Woche später hatte mein Kumpel genügend weitere Sets verkauft, so dass er das Geld für sein eigenes Set bereits raus hatte.

Das war für mich ein Beweis mehr, dass man nur verkaufen kann woran man auch glaubt. Das bezieht sich nicht nur auf klassische Verkäufer die ein Produkt oder Dienstleistung verkaufen, sondern auf alle.

Man kann sich selbst nur verkaufen, wenn man auch an sich selbst glaubt (nein, jetzt bitte nicht auf den Strich gehen).

Man kann nur gute Arbeit leisten, wenn man auch an das glaubt woran man arbeitet.

Noch besser ist es wenn man liebt was man macht.

Photo by Robert Collins on Unsplash

Jung und dumm

Ich erinnere mich immer gerne an meine Jugend zurück. Man war jung, dumm und hat das Geld gebraucht. Nein, eigentlich war Geld einem scheiß egal, solange man mit seinen Kumpels Zeit hatte ein paar Games zu zocken oder sich zu besaufen und völligen Blödsinn auf dem Dorf zu machen. Und dafür war immer Zeit. Immerhin haben wir so gut wie nie gelernt. War meistens auch nicht nötig. So im Nachhinein muss ich sagen, dass das auf jeden Fall die richtige Vorgehensweise war. Wir haben nichts verpasst, gute Schulabschlüsse gemacht und gute Berufe erlernt. Also anscheinend alles richtig gemacht. Oh Gott, ich hoffe nur dass das meine ungeborenen Kinder nie lesen werden.

Ja, ich bin ein Dorfkind. Mehr oder weniger, aber eine Stadt mit 8.000 Einwohnern ist für mich auch ein Kaff. Vor allem wenn viele deiner Freunde in den umliegenden wahren Käffern wohnen.

Es ist auf jeden Fall Wochenende und was machen gelangweilte Kids an einem Freitag Abend? Röööchtööch. Baar Bierchen ploppen und mit Wodka Brause toppen (bäh, wie konnte man diese eklige Scheisse überhaupt jemals trinken??). Bei so einem gemütlichen Beisammensein auf dem Lande kommen einem die besten Ideen. Oder auch die dümmsten. Ich glaube damals war die amerikanische Sendung „Jack Ass“ (mit Johnny Knoxville und Steve-O) voll im Trend. Auf jeden Fall kommt dann eins der Dorfkinder auf die Idee, dass man doch den alten, halb ramponierten Golf 2 seiner Mutter aus der Scheune fahren und damit etwas auf den Feldern anstellen könnte. Aber was nur? Übrigens, aus unserer Truppe war damals glaube ich nur einer 18, der Rest müsste um die 16 gewesen sein. Aber Auto fahren konnten wir damals eh schon alle. Dorf eben. Hatte ja schon gesagt, dass wir nichts zu tun hatten. Die Polizei hat uns nach den Feiern eher noch freiwillig heim gefahren, damit wir mit unseren Fahrrädern nicht besoffen auf den Bundesstraßen rumfahren. Aber egal, ich schweife ab.

Was kann also ein Haufen 16-jähriger mitten auf dem Dorf mit dem alten Golf 2 einer bemitleidenswerten Mutter und quasi den weiten, unendlichen Feldern von Langweilhausen alles anstellen?

Ich weiß nicht mehr wer auf die Idee gekommen ist, aber es spielte sich folgendes ab. Auto aufs Feld gefahren. Kofferraum auf. Einer setzt sich rein, Gesicht nach draußen und hält ein dickes Seil fest. Am anderen Ende des Seils hält sich der „Jack Ass“ fest. Eingehüllt in dicke, alte Klamotten und Handschuhe legt man sich auf den Boden und lässt sich quasi von dem Auto über den Acker schleifen. Vorne im Golf sitzt also eine grölende Horde besoffener Bauern und schleift einen armen, aber laut lachenden „Volltrottel“ hinter sich her. Natürlich blieb es nicht bei einem Volltrottel. Fast jeder wollte mal auf die „Achterbahn des Todes“.

Wir haben den armen, guten alten Golf ganz schön ramponiert. Ich glaube ein bis Zwei Abschnitte von Lattenzäunen mussten dran glauben, weil wir besoffen und ohne Licht einfach durchgeballert sind. Einmal haben wir den Golf in einen kleinen Bachlauf gesetzt. Da der Golf aber so gut wie nix gewogen hat, konnten wir das Auto aber mehr oder weniger problemlos rausbugsieren. Man kann sich ja vorstellen wie eine Horde unkoordinierter Jugendlicher versucht ein im Flussbett festgefahrenes Auto rauszuholen. „Jetzt, jetzt. Gas, Gas, Gas. Äääääh, Alter du hast mich total vollgespritzt. Lass mich ma’ ran da. Du schieb lieber…..“. So ging das mehr oder weniger einmal reih um bis jeder einmal im Schlamm gesteckt und nachher auf dem Fahrersitz gesessen hat.

Insgesamt hat diese „Feldtour“ nicht gerade zur Schönheit und Ansehnlichkeit des Golfs beigetragen. Eigentlich sah das Auto danach wie Sau aus. Das Flussbett und die Lattenzäune haben ihren Teil zu Beulen und Dreck beigetragen. Von unseren vom Feld geschundenen Körpern (Schürfwunden und handtellergroße blaue Flecken – jaaahh, auf einem Feld liegt auch ab und zu mal ein Stein oder festgetretener Haufen Erde).

So what. No risk. No fun.

Welche Lehren kann man aus dieser Geschichte eigentlich ziehen? Nicht viele glaube ich, außer dass ihr mit euren Kindern auf keinen Fall aufs „idyllische Land“ ziehen solltet. Den Kids wird so langweilig, dass sie auf einmal in ungeahnte kreative Sphären vordringen und, naja, was dabei rauskommt habt ihr ja eben gelesen.

FAIL!

Oder doch nicht?

Was meint ihr?

Wer hat Horst entführt ??

Den lustigsten Unfug habe ich auf einer Party einer Studentenverbindung zu meinen Studienzeiten erlebt. Die Partys im Verbindungshaus wurden „privat“ abgehalten, was bedeutete, dass die Bewohner des Verbindungshauses ihre Freunde einladen durften. Ok, wir wissen was das heißt. Gefühlt waren alle Maschis da. Mäh, wie langweilig. 300 pickelige Kerle und 3 Mädels, könnt ihr euch ja vorstellen wie es da abgegangen ist.

Naja, egal. Bier gab es mehr als reichlich. Das war uns damals gut genug.

Irgendwann wurde es sehr spät – oder auch sehr früh – und übrig blieben nur noch die Bewohner des Hauses und einige sehr gute Freunde derer. Unter ihnen auch ich. Irgendwie lümmeln wir also bei einem auf dem Zimmer rum und die meisten sind entweder hacke dicht von Alkohol oder sonstigem Stoff oder pennen anderweitig. Kommt beides auf’s selbe raus: keiner ist bei Bewusstsein.

Ich stolper also irgendwie die Treppe runter und komme am Zimmer der Maskottchen vorbei. Zum Hintergrund: Die Maskottchen dieser Verbindung waren zwei Pinguin Kuscheltierchen, namentlich Herbert und Horst, und wurden immer in einem bestimmten Zimmer aufbewahrt. Diese wurden immer auf das alljährlich stattfindende Eishockey Turnier zwischen Maschis, Elektrotechnikern und den Mediziner mitgenommen. Kurz der Uni-Cup, eine riesen Gaudi. Dort haben sich die drei Fakultäten immer gegenseitig auf dem Eis „gebattled“, inkl. Showeinlage von den Studis mit selbstgebauten Wikingerschiffen aus Pappmasche oder Galgen an denen Puppen mit Arztkittel aufgehängt wurden. Auf jeden Fall eine geile Sache und jeder hat sich auf dieses Event gefreut.

Die Verbindung bei der die Party stattfand hat immer diese zwei Pinguin Maskottchen auf den Uni-Cup mitgenommen, da das schon seit jeher dort Tradition war.

Naja, jedenfalls komme ich an dem Zimmer vorbeigestolpert und an der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift „HERBERT, HERBERT! WER HAT HERBERT GESTOHLEN?“.

Ich schaue also ins Zimmer rein und normalerweise haben Herbert und Horst immer ihren ganz besonderen Platz in einer Vitrine. Ein Platz ist leer, anscheinend der von Herbert. Alles klar, denke ich mir, da hat sich jemand einen Scherz erlaubt. Dazu sollte man noch sagen, dass der Uni-Cup immer am Donnerstag nach Nikolaus stattfindet und es war Mitte November, also nicht weit hin bis Nikolaus. In meinem benebelten Zustand dachte ich es wäre lustig Horst auch noch mitgehen zu lassen und zu verstecken, also habe ich ihn kurzerhand aus der Vitrine geholt.

Irgendwie erschien es mir lustig ihn beim „Papst“ zu verstecken. Wer mit Studentenverbindungen nicht so vertraut ist, wird sich jetzt vielleicht fragen, wieso das römisch-katholische Oberhaupt der Kirche hart mit Maschis abfeiert. Schön wär’s, so ist es aber nicht. Der „Papst“ ist nichts anderes als ein Speibecken, besser bekannt als die Schüssel in die gekotzt werden muss. Ich denke das sollte als Erklärung reichen. Ich dachte mir auf jeden Fall, dass irgendwann im Laufe des Abends der ein oder andere mal „papsten“ gehen muss und Horst somit recht schnell gefunden wird. Natürlich habe ich den armen Horst nicht direkt im Rachen des Papstes versteckt. Wer würde denn sowas ekliges tun? Ich habe ihn sicher und trocken im Badezimmerschränkchen unter dem Spülbecken versteckt, welches zum Raum des Papstes gehörte.

Nachdem ich noch mit ein paar Jungs geplaudert hatte, bin ich dann irgendwann mit meinem vom Bikesharing geliehenen Hollandrad heim gegurkt. Mit Bikesharing meine ich im übrigen, ich habe den rostigen Drahtesel aus dem nächsten Graben rausgezogen, bin heim geradelt und habe es in der Nähe meiner Wohnung in den nächstbesten Graben geschmissen, damit der nächste Studi ohne Transportmittel das Bike wieder benutzen kann. Ich weiß zwar nicht wo die ganzen alten, rostigen Klappermühlen herkamen, aber derjenige der dieses geile und kostenlose Bike Sharing eingeführt war genial.

Am nächsten Tag (Sonntag) kriege ich einen Anruf. In der Studiverbindung ist etwas passiert, ich solle doch bitte vorbeikommen. Ich komme an – diesmal mit dem Bus, das Bikesharing darf man nämlich nur benutzen wenn man mehr als 1,6 Promille hat und ich war mir nicht sicher ob ich nicht schon unter die Grenze genüchtert bin. Die Verbindungsmitglieder laufen wie wild durch die Gegend. P. – der Hüter von Herbert und Horst ist mächtig angepisst. Bald ist Uni-Cup und für die Maskottchen war großes geplant, bla, bla, bla.

Dazu muss ich sagen, dass Herbert, das zuerst geklaute Maskottchen recht schnell noch in der Partynacht gefunden wurde. Das Versteck war nicht besonders originell – einfach im Bett von P.. Nachdem der ursprüngliche Dieb seine gerechte Tracht Prügel bekommen hat und glaubwürdig versichern konnte, dass er NUR Herbert entführt hatte, dem armen Horst aber keine Feder gekrümmt hatte, war klar dass noch ein zweiter Dieb seine dreckigen Finger im Spiel hatte.

Anscheinend war es so, dass am Abend zuvor niemand „papsten“ musste und somit auch niemand auch nur die Gelegenheit hatte Horst zu finden. Da der Audienzraum des Papstes auch nur bei Feierlichkeiten benutzt wird und in das Badezimmerschränkchen nie jemand schaut, dämmerte mir langsam dass mein Versteck ein ziemlich gutes war.

Ok zurück, zum armen, verprügelten ersten Dieb. Nachdem der aussah wie Axel Schulz nach seinem Kampf gegen Klitschko 1999, fragte mich P.:

„Koch, hast du Horst verschleppt?“

„Ooooh jaaa, das hab ich. Siehst du die Kratzer an meinen Händen? Die habe ich bekommen, als der ahnungslose Horst gemerkt hat, dass ich ihn nicht nur streicheln, sondern entführen will. Er hat mir einen duften Kampf geliefert und meine geschundenen Hände sind der Beweis für seine Tapferkeit“. Dabei grinste ich dreckig und streckte meine makellosen, unverkratzen Hände vor. Irgendwie waren die anderen mit meiner Antwort nicht zufrieden. Kurz, sie glaubten mir nicht.

Nachdem Horst nun schon seit über einer Woche verschwunden war, der Uni-Cup immer näher rückte und der arme P. bald vollkommen irre vor Sorge wurde, musste etwas unternommen werden.

Irgendwann saßen wir wieder beisammen und es wurde gefragt ob einer eine Idee hätte wie man denn endlich Horst seinem Entführer entreißen konnte.

Einer macht einen Vorschlag. Dann ein anderer. Aber keiner kann so wirklich überzeugen.

Irgendwann stehe ich auf und sage: „Ok. Wer auch immer Horst entführt hat. Du bist ein Genie. Wir verbeugen uns vor deiner genialen Gerissenheit und huldigen dir auf Ewig. Du brauchst uns nicht zu sagen wer du bist, wir wollen nur wissen wo du unseren heiligen Horst hin verschleppt hast. Wenn du uns einfach irgendwo einen Zettel hinterlässt mit einem Hinweis wo er sich befindet, dann werden wir dir auf Ewig dankbar sein und deinem Supergenie gedenken.“

P., der den größten Leidensdruck hatte und als nächster mit einer Idee dran wäre, kommt mit einem weiteren Vorschlag.

„Lasst uns der Reihe nach jeden einzeln befragen und sein Ehrenwort auf die Verbindung geben, dass er die Wahrheit sagt.“

Alle willigen ein, also macht Peter die Runde.

„Felix, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Thomas, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Koch, hast du Horst entführt?“

„Jap.“

„Hör auf mit dem Scheiß, Koch. Das ist eine ernste Angelegenheit!“

„Andi, hast du Horst entführt?….“

So ging das der Reihe nach, bis jeder dran war. Scheisse, alle haben verneint. Es musste eine wirklich verlogene Ratte unter uns geben, der sogar das Ehrenwort der Verbindung scheiss egal war.

Bevor ich an dem Abend ging, habe ich einen kleinen Zettel mit einer Zeichnung vom Papst und dem Waschbecken inkl. Schränkchen mit Horst darin im Flur der Verbindung hinterlassen. Die Zeichnung hätte auch mit fliegenden Schweinen im Weltall verwechselt werden können, aber am nächsten Tag wurde Horst gefunden und alle waren glücklich.

Irgendwann Wochen oder Monate später, als wieder auf einer Verbindungsparty lustige Geschichten von früher erzählt wurden, habe ich nochmals zugegeben, dass ich Horst entführt hatte. Alle haben nur gelacht und mich als Lügner bezeichnet und dass ich mich mit den Lorbeeren schmücken wollte. Keiner konnte sich mehr daran erinnern, dass ich bei der Befragung die Wahrheit gesagt und mit „Ja“ geantwortet habe. Alle waren der Meinung, dass alle „Nein“ gesagt haben.

Schon irgendwie cool, wenn man so ehrlich ist, dass einem niemand glaubt.

Ist das jetzt Wahnsinn?

Vor kurzem habe ich mich mit einem guten Freund unterhalten. Er hat etwas für mich sehr interessantes erlebt, was ich euch nicht vorenthalten will. Er hat eingewilligt, dass ich die Geschichte hier erzähle, möchte aber namentlich nicht genannt werden, da der ein oder andere Leser ihn kennen könnte.

Also, besagter Freund, nennen wir ihn der Einfachheit halber F., hat einen recht lukrativen Beruf. Zudem war er jahrelang Single und führt ein bescheidenes noch recht studentenhaftes Leben. Damit meine ich jetzt nicht das Studentenleben was ihr euch jetzt vielleicht vorstellt. Wilde Partys bei den Medizinerinnen am Dienstag, mit den Psychologinnen am Mittwoch und bei der Verbindung der Austauschstudentinnen aus dem Osten am Donnerstag. Lange Schlafen, keine Verpflichtungen und so weiter. Nein, ich meine eher in dem Sinne, dass man mit einer 350€ Miete und 150€ für Lebensmittel im Monat zurechtkommt, kein Auto besitzt und nicht viel mehr braucht um glücklich zu sein.

Lukrativer Job + niedrige monatliche Ausgaben – Freundin = sehr viel angespartes Geld

F. hat also sehr viel Geld auf der hohen Kante, sich bisher aber nicht sonderlich für Investitionen interessiert, weswegen die ganze Kohle mehr oder weniger auf dem Giro Konto vor sich hin gammelte. Eines Tages vor nicht allzu langer Zeit, also vor kurzem, lernt F. ein nettes Mädel kennen – nennen wir sie S. Nach einigem hin und her scheint klar zu sein, dass die beiden sich riechen können, also werden sie ein  Paar.

Ich fragte F. wie es ihm mit der neuen, frischen Beziehung gehe (immerhin hatte er vorher nie eine wirklich ernsthafte Beziehung geführt) und er sprudelte nur so über vor lauter Glück. Es fehlten nur noch Regenbogen kotzende Einhörner zum perfekten Glück.

 

Monatelang ging das anscheinend so weiter und ich hörte nicht mehr viel von F. Wir wohnen immerhin in unterschiedlichen Städten und mit telefonieren haben wir es beide nicht so sehr, also war der Kontakt eher lose. Irgendwann, zufällig muss ich an F. denken und schreibe ihn an, wie es ihm denn so gehe.

„Ach, ich weiß nicht. Ich glaube ich muss mit S. Schluss machen.“

„Waaaas?? Ich dachte sie wäre die Liebe deines Lebens und du bist überglücklich mit ihr?“

„Jaaa, aber irgendwie weiß ich nicht. Irgendetwas passt nicht.“

Ich denke mir noch „Ok, da stimmt was nicht“, also sage ich zu F. „Bleib ruhig und mach’ keinen Scheiß. Lass uns am Samstag treffen.“

Gesagt getan, also sitze ich am Samstag Abend bei ihm in seiner 1-Zimmer Butze. Nach ein paar Bierchen und dem üblichen hin-und-her Geplänkel um sich warm zu reden, kommt er endlich auf den Punkt.

„S. hat mir einen angeblich idiotensicheren Investment Tipp für mein brachliegendes Geld gegeben. Ich habe die Kohle investiert und jetzt ist sie so gut wie weg, weil das Investment ein Flop war.“

Nachdem ich das Bier, welches gerade dabei war genüsslich meine Kehle hinabzulaufen, quer über seinen 0,25m2 Wohnzimmer-/Esstisch verteilt hatte, musste ich erst lachen, dann weinen und dann nochmal nachfragen: „Du hast was?!“

Vielleicht noch kurz zum Hintergrund: Mein Freund F. hat eine technische Profession erlernt und arbeitet auch in einem entsprechenden Beruf. Er besitzt ein hoch analytisches Denkvermögen und kann sehr gut rationale Entscheidungen treffen. Auch wenn er sich mit dem Thema Investments noch nicht auseinander gesetzt hat, so ist er sehr wohl in der Lage zu entscheiden was ein vernünftiges Investment wäre und was ein eher unvernünftiges Investment wäre, da es einfach jeglicher rationaler Grundlage entbehrt. Seine Freundin S. ist Krankenschwester und hat sich in ihrem Leben auch noch nicht mit Investmöglichkeiten beschäftigt (die Geschichte wie sich F. und S. kennenlernten und wie sie zusammenkamen ist an sich ein eigenes Posting wert).

Also frage ich mich wie zur Hölle mein hochanalytischer Freund F. auf die Idee kommt „todsichere“ Investment Tipps von seiner Freundin S., der Krankenschwester, blindlings und halbwegs ungeprüft anzunehmen. Und zu allem Überfluss auf Grundlage dieses Witzes auch noch der Meinung zu sein, S. abschießen zu müssen (er hat mir eine Latte von Begründungen genannt wieso das Investment-Fiasko zum Schluss der Beziehung führen sollte, lasse diese hier aber mal aus diversen Gründen weg).

Ok, ich lasse meinen Freund also mit der Bitte zurück erstmal nichts zu tun und die Füße still zu halten. Achja, den Bier-Speichel-Mix aus meinem Mund auf seinem Couchtisch habe ich ebenfalls da gelassen.

Am nächsten Tag rufe ich also seine Freundin S. an, mit der Bitte um ein Treffen. Einfach so, bisschen plaudern, ganz locker mal hören wie sich mein Kumpel F. so macht und ob er sich auch zu benehmen weiß.

Ein paar Tage später treffen wir uns in einem Café. Wir sitzen nett beisammen und plaudern, ich weiß nicht so recht wie ich das Thema zur Sprache bringen soll, also platze ich einfach damit heraus: „Du, F. hat mir von deinem heißen Investment Tipp erzählt. Du hast schon mitbekommen, dass das Ganze ein ziemlicher Reinfall war?“

S.: „Waaas?! Echt jetzt? Scheisse, wie konnte das denn passieren? Mir wurde gesagt, dass das Ding wirklich todsicher ist.“

Ich: „Ahhjaa, es wurde dir gesagt? Darf ich denn fragen woher du den Tipp hast?“

S.: „Naja, im Krankenhaus war einer der Patienten um die ich mich gekümmert habe ein Investmentbanker. Er war wirklich ein sehr netter junger Mann. Der Investmentbanker hat mir da von einer todsicheren Anlagemöglichkeit erzählt. Ich bin in letzter Zeit so glücklich, dass ich F. habe und dass er immer so viel Geld für mich ausgibt, was wirklich nicht nötig wäre. Da wollte ich ihm etwas Gutes tun und habe den Investmentbanker gleich nach den ganzen Details gefragt und diese an F. weitergegeben.“

Diesmal konnte ich den Kaffee zumindest in mir behalten.

„Du weißt schon, dass F. jetzt kurz davor ist mit dir Schluss zu machen, wegen dieser ganzen Sache?“

S. war nicht so erfolgreich darin ihren Kaffee bei sich zu behalten. Egal, mein Pulli musste eh wieder gewaschen werden.

Ok, um die Geschichte mal kurz zusammen zu fassen und zu Ende zu bringen. Mein Freund F. ist super glücklich mit seiner neuen Freundin S. Zum ersten mal in seinem Leben fängt er an Geld auszugeben (wenn auch nicht für sich) – nicht dass das an sich etwas gutes wäre. Seine Freundin S. ist ebenfalls super glücklich mit ihrem Freund. So sehr, dass sie ihm zur Liebe (und vll. wegen einem schlechten Gewissen, dass er so viel Geld für sie ausgibt?) etwas Gutes tun will und ihn mit einem Investment Tipp versorgt. Mein Freund F. nimmt diesen blindlings an, ohne ihn zu prüfen. Nachdem die Sache schief läuft, ist er so sehr verletzt, dass er daran denkt mit seiner Freundin Schluss zu machen?

Ist das jetzt Wahnsinn oder was??

Aaaalso, was will ich mit dieser ausufernden Geschichte eigentlich sagen?

1.) Macht euer Lebensglück nicht von sowas wie Finanzen abhängig.

2.) Denkt für euch selber. Niemand ist dafür qualifiziert euch zu sagen wie ihr die Welt erlebt.

3.) Großartige Gelegenheiten haben niemals den Titel „großartige Gelegenheit“.

PS: F. und S. haben die Sache zum Guten geklärt und sind immer noch glücklich zusammen.

PPS: Danke an F., dass ich diese Geschichte teilen darf. S. weiß nichts davon.

Photo by Joshua Earle on Unsplash

Die Macht und der Fluch unseres Gehirns

Zwei Vertriebsangestellte eines Schuhherstellers werden nach Afrika auf Feldreise geschickt, um den Markt zu sondieren und einen Bericht abzuliefern. Der erste Vertriebler kommt zurück, ganz deprimiert und niedergeschlagen. Er berichtet: „Es ist hoffnungslos. Keiner trägt Schuhe. Das ist kein Markt für uns“.

Der zweite Vertriebler kehrt ganz enthusiastisch und aufgekratzt zurück und berichtet: „Super Nachrichten. Keiner hat Schuhe. Die Wachstumschancen sind enorm. Der Markt hat sehr viel Potential für uns.“

Einer sieht keine Schuhe und alle Indizien weisen auf eine hoffnungslose Situation. Der andere sieht die selben Dinge und für ihn deutet alles auf reichhaltige Chancen. Jeder der beiden kommt mit seiner eigenen Perspektive nach Afrika und jeder kehrt mit einer anderen Geschichte zurück. Das Leben wird uns in Erzählform präsentiert. Es sind alles Geschichten die wir uns erzählen.

Die Wurzeln dieses Phänomens reichen viel weiter als nur die individuelle Einstellung oder der Charakter einer Person. Experimente der Neurowissenschaften haben ergeben, dass wir unsere Umwelt in ungefähr folgender Reihenfolge wahrnehmen: zuerst beliefern uns unsere Sinne mit einer Auswahl von dem was tatsächlich passiert, zweitens konstruiert unser Gehirn aus diesen Sinneseindrücken seine eigene Nachbildung und erst dann haben wir drittens unsere erste bewusste Erfahrung der Umwelt. D.h. die Welt dringt in unser Bewusstsein in Form einer bereits vorgezeichneten Karte ein, einer bereits erzählten Geschichte, einer Hypothese, einer Konstruktion unserer eigenen Montage.

Wir nehmen nur die Sinneseindrücke wahr auf die wir evolutionstechnisch programmiert sind und das sind meistens Informationen die kritisch für unser Überleben sind. Weiterhin ist unsere Wahrnehmung darauf beschränkt, dass wir nur wahrnehmen können wofür wir bereits eine mentale Karte oder vorsortierte Kategorie haben.

Wir sehen also nur eine Karte der Welt, nicht die Welt selber. Was ist das also für eine Karte die wir uns selber zeichnen? Die Antwort finden wir in der Realität der Biologie. Das Überleben des Stärksten. Wir nehmen nur Dinge wahr, die uns in erster Linie dazu dienen die Gefahren des Lebens zu erkennen und erfolgreich zu vermeiden.

In einem weiteren berühmten Experiment wurde dem äthiopischen Volksstamm der Bodi eine Fotografie gezeigt mit Menschen und Tieren darauf. Den Bodi war es nicht möglich das zweidimensionale Bild zu „lesen“. Sie haben das Papier befühlt und beschnüffelt, haben die Fotografie zerknüllt und auf das raschelnde Geräusch gehört, haben kleine Stückchen davon abgebissen und darauf rumgekaut, um das Foto zu schmecken. Sie konnten die Menschen und Tiere darauf nicht wieder erkennen, einfach weil sie kulturell keine mentale Karte für die Interpretation der Fotografie vorliegen hatten. Und doch setzen Menschen in unserer Kultur die Fotografie und das reale Objekt welches die Fotografie zeigt, selbstverständlich gleich, obwohl das eine eine Abstraktion des anderen ist.

Ein Mann erkannte in einem Zug Pablo Picasso und fragte ihn wieso er Menschen nicht so zeichne wie sie in der Realität seien. Picasso fragte den Mann was er genau damit meine. Der Mann öffnete seine Brieftasche, nahm ein Foto von seiner Frau heraus und sagte „Das ist meine Frau“. Picasso antwortete „Ist sie nicht eher klein und flach?“

Unser Verstand ist auch drauf ausgelegt Ereignisse zu einem Handlungsstrang aneinander zu reihen, egal ob es eine Verbindung zwischen den einzelnen Teilen gibt oder nicht. Wir produzieren gerne Begründungen für unsere Taten, damit diese logisch, konsequent, plausibel und so als ob sie durch das Prinzip von Ursache und Wirkung geleitet sind, unabhängig davon ob diese „Begründungen“ die wahren Beweggründe unserer Taten darstellen.

Experimente mit Leuten die Verletzungen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte erlitten haben (die Gehirnhälften konnten nicht mehr miteinander „kommunizieren“), zeigten folgendes verblüffendes Phänomen. Wenn die rechte Gehirnhälfte angewiesen wurde die Tür zu schließen (den Patienten wurde das rechte Auge abgedeckt und die Anweisung wurde nur vom linken Auge gelesen, welches von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird) hat die linke Gehirnhälfte unabhängig davon eine Begründung fabriziert wie „Oh, ich habe einen Luftzug gespürt“.

Das heißt im Grunde, dass alles erfunden ist. Das Leben das uns passiert, das wir wahrnehmen ist eine Geschichte die wir uns selbst erzählen. Und wenn eh alles erfunden ist, dann kann ich mir auch genauso gut eine Geschichte mit Bedeutung erzählen, eine die die Qualität meines Lebens und des Lebens der Personen in meinem Umfeld verbessert.

Der Rahmen den unser Verstand kreiert, definiert – und behindert – was wir als möglich erachten. Jedes Problem, jedes Dilemma, jede Sackgasse der wir uns im Leben stellen müssen, erscheint nur innerhalb eines bestimmten Rahmens unlösbar. Vergrößere den Rahmen oder kreiere einen neuen Rahmen um die Randbedingungen herum und die Probleme verschwinden, während sich neue Gelegenheiten auftun. Wir sollten uns also immer daran erinnern, dass alles eine Geschichte ist die wir uns erzählen und dass alles erfunden ist. Nicht nur einiges davon, sondern wirklich alles. Jede Geschichte basiert auf einem Netzwerk von versteckten Annahmen. Wenn du lernst diese wahrzunehmen und auseinander zu halten, wirst du auch in der Lage sein durch diese Barrieren zu stoßen und eine neue, positive Erzählung mit den für dich förderlichen Konditionen zu erfinden.

Also, wer ist dabei und verkauft mit mir Schuhe in Afrika? 🙂

Photo by Ivan Levchenko on Unsplash

Meine 5 Lieblingsbücher 2017 – Teil 2

Und weiter geht’s mit dem zweiten Teil meiner 5 Lieblingsbücher aus diesem Jahr.

3. So Good They Can’t Ignore You (Cal Newport)

Cal Newport ist ein Professor der Computer Wissenschaften an der Georgetown University. Mit seinem Buch „So good they can’t ignore you“ vertritt er die Meinung dass Skill (Fähigkeiten/Fertigkeiten) immer „Passion“ (Leidenschaft) auf der Suche nach erfüllender und bedeutungsvoller Arbeit schlägt. „Folge deiner Leidenschaft“ ist seiner Ansicht nach ein ganz schlechter Ratschlag, den man nicht befolgen sollte.

Angefangen hat alles damit dass Newport sich die Frage gestellt hat wieso es Leute gibt die in ihrem Beruf glücklich sind und welche die es nicht sind und wieso das so ist.

Er schreibt, dass jemand eine Befragung mit Assistentinnen / Sekretärinnen durchgeführt hat. Heraus kam, dass die Glücklichsten diejenigen waren, die die meiste Berufserfahrung hatten und am längsten diesen Job ausgeführt haben. Wie kam das? Die Begründung war, dass die erfahrensten Frauen einen Expertenstatus erreicht hatten und damit viel Kontrolle über ihren Job hatten. Diese wurde ihnen auf Grundlage ihrer immensen Erfahrung und guten Arbeitsleistung von ihren Vorgesetzten zugestanden. Und Kontrolle / Freiheiten zu haben macht einen glücklich.

Von diesem Punkt aus ist Newport darauf gekommen, dass der Ratschlag seiner „Leidenschaft“ zu folgen nicht nur falsch, sondern auch schädlich ist. Viele Leute geben ihre bisher gesammelte Berufserfahrung in einem Gebiet auf, um dann etwas völlig anderes zu machen, von dem sie meinen, dass es ihre Leidenschaft ist. Auf diesem Gebiet haben sie dann im Vergleich zu anderen nur sehr wenig Wissen / Erfahrung und können gar nicht so gut sein wie ihre Wettbewerber, weswegen sich dann meist kein Erfolg einstellt. Und ohne Erfolg wird man unglücklich. Bei einigen führt das dann dazu, dass sie rastlos werden und von einem „Ding“ zum nächsten springen und nie glücklich werden.

Mit am besten fand ich folgendes Konzept: Man muss erstmal in etwas gut sein, bevor man einen guten Job erwarten kann.

Es gibt 3 Faktoren um sich intrinsisch für seine Arbeit zu motivieren:

    • Unabhängigkeit: Das Gefühl, dass man die Kontrolle über seinen Tag hat und dass die eigenen Handlungen wichtig sind
    • Kompetenz: Das Gefühl, dass man gut ist in dem was man tut.
    • Verbundenheit: Das Gefühl, dass man mit anderen Leuten verbunden ist.

Daraus folgt folgende Schlussfolgerung von ihm: „Richtig zu arbeiten“ schlägt die „richtige Arbeit“.

Aus diesem Buch habe ich auch das Konzept des „Handwerker mindsets“ im Gegensatz zum „Leidenschafts Mindset“ entnommen. Das erstere basiert auf der Frage was man selber der Welt zu bieten hat im Gegensatz zum letzteren welches darauf basiert was die Welt einem bieten kann. Auf dieses Konzept bin ich in einem früheren Artikel schonmal näher eingegangen.

Im Schatten dieser großen, übergreifenden Theorie des Buches schwimmen viele kleine, interessante Theorien mit, wie die der „bedachtsamen Übung“ (deliberate practice). Wenn man in einer Sache richtig gut werden will, dann muss man nicht nur irgendwie üben, sondern bedachtsam üben. Quasi mit einem Plan. Dies ist auch ein Teil der 10.000 Stunden Regel, die Malcolm Gladwell populär gemacht hat und die besagt, dass man eine Sache 10.000 Stunden bedachtsam üben muss um darin Weltklasse Status zu erreichen.

Insgesamt fand ich das Buch sehr interessant. Es rückt einem etwas den Kopf zurecht und macht einem klar, auf was es eigentlich im Leben ankommt und dass berufliche oder professionelle Expertise einen großen Teil des Lebensglücks ausmacht. Diese erreicht man aber nur durch „blood, toil, tears and sweat“ (Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß) wie Churchill es so schön auszudrücken wusste. Gemütlichkeit und Komfort im Leben ist nicht das Ziel und macht einen auch nicht glücklich. Es ist sogar hinderlich und das ist das verwirrende in der heutigen Zeit in der wir leben. Die Medien wollen einem das Konzept von Convenience / Bequemlichkeit verkaufen und dass dein Lebensglück nur einen Klick, nur einen weiteren Kauf von irgendeinem Tand entfernt ist, den man sowieso nicht braucht. Leider müssen wir Menschen erst durch die unbequeme Wand der Komfortzone stoßen um zu wachsen und dadurch Lebensglück zu erfahren.

4. The Magic of Thinking Big

Dieses Buch ist ein schöner, richtig kitschiger, typisch amerikanischer „Klassiker“ aus dem Jahr 1959. Nach der Lektüre dieses Buches kann man auch ein wenig nachvollziehen wo die amerikanische Art zu denken herkommt und wie es in den 50’er bis 80’er Jahren sein musste, den „american dream“ zu leben (oder zumindest hinterher zu jagen). Ich meine das jetzt gar nicht negativ, das Buch fand ich nämlich herrlich unterhaltend und leicht zu lesen. Auch lehrreich und motivierend.

Der Leitfaden dieses Buches beschäftigt sich damit, dass wir Menschen das Produkt unseres Denkens sind. Leider denken die meisten Leute „klein“, bzw. werden auch durch ihr Umfeld zu kleinem Denken gezwungen und dementsprechend können sie ihr Potenzial nicht voll entfalten und sind nicht so erfolgreich wie sie es sein könnten, wenn sie „groß“ denken würden.

In dem Buch lassen sich viele tolle Sprüche rund um das Thema „Erfolg“ finden, viele sind Zitate von Persönlichkeiten der Vergangenheit.

Wie z.B. folgende:

Great men are those who see that thoughts rule the world.“ – Ralph Waldo Emerson

Life is too short to be little“ – Benjamin Disraeli

Das Buch lässt sich am besten mit den Überschriften der Kapitel zusammenfassen, da diese schon viel über den zu erwartenden Inhalt wiedergeben:

  • Glaube daran, dass du Erfolg haben wirst und du wirst ihn haben
  • Heile dich von der „Entschuldigungskrankheit“ – die Misserfolg Krankheit
  • Baue Selbstvertrauen auf und zerstöre die Angst
  • Wie man groß denkt
  • Wie man kreativ denkt und träumt
  • Du bist, was du denkst was du bist
  • Manage deine Umgebung: Werde Erste Klasse
  • Mache deine Einstellungen zu deinem Verbündeten
  • Denke richtig gegenüber Leuten
  • Bekomme die „Taten-Gewohnheit“
  • Wie man eine Niederlage zu einem Sieg macht
  • Verwende Ziele um dir beim Wachstum zu helfen
  • Wie man wie ein Anführer denkt

In dem Buch werden viele Beispiele aus dem Leben des Autors und seine Erfahrungen mit anderen Leuten wiedergegeben. Wenn man sich auf das „mindset“ in diesem Buch einlässt, dann kann man mit Sicherheit das ein oder andere für sich herausziehen, wenn man sich mit dem Thema „Erfolg“ beschäftigen möchte.

5. The Obstacle Is the Way

The Obstacle Is the Way ist von Ryan Holiday, einem meiner absolut liebsten Autoren dieses Jahr. Neben seinen zahlreichen Büchern (Trust Me I’m Lying – Confessions of a Media Manipulator, Ego Is the Enemy, Growth Hacker Marketing, The Daily Stoic) schreibt er regelmäßig Artikel für den New York Observer in der Kategorie Business und für thoughtcatalog.com. Ich denke Ryan Holiday war der erste Autor der mich in die stoischen Lehren eingeführt hat.

In dem Buch nimmt Holiday die Lehren von Marc Aurel, Seneca, Epiktet und anderen Begründern des Stoizismus und erklärt ihre Lehren auf moderne Art und Weise. Das ganze untermauert er mit anschaulichen Geschichten aus der aktuellen und jüngst vergangenen Zeit anhand von „großen“ Persönlichkeiten wie John D. Rockefeller, Abraham Lincoln, Thomas Edison, Theodore Roosevelt und Steve Jobs, nur um einige der berühmteren Namen zu nennen.

Am besten wird das Buch durch die zeitlosen Worte von Marc Aurel zusammengefasst (der englischen Fassung meines Exemplars wegen hier im „Original“ wiedergegeben):

Our actions may be impeded… but there can be no impeding our intentions or dispositions. Because we can accommodate and adapt. The mind adapts and converts to its own purposes the obstacle to our acting.

The impediment to action advances action.What stands in the way becomes the way.

Das Buch ist unterteilt in 3 Kapitel:

  • Wahrnehmung
  • Handlung
  • Wille

Wahrnehmung: Hier geht es im Groben darum, dass man die Welt ganz objektiv betrachten sollte. Meistens nehmen wir Dinge die uns passieren nicht objektiv wahr, sondern werten sie gleich. Unser Gehirn ist ein Meister darin die Wertung recht extrem ausfallen zu lassen und so malen wir uns gleich das absolute Horrorszenario aus. Die Abhilfe die Ryan Holiday (und die Stoiker) dagegen empfehlen wären folgende:

  • objektiv sein
  • Emotionen unter Kontrolle halten
  • zu wählen das Gute in jeder Situation zu sehen
  • die Nerven behalten
  • ignorieren was andere stört und limitiert
  • die Dinge in die richtige Perspektive rücken
  • in den Moment zurückkehren und sich nur auf die vorliegenden Fakten zu konzentrieren
  • sich auf das fokussieren was man kontrollieren kann

Die Disziplin der Handlung: Probleme und Hindernisse sollten nicht nur irgendwie angegangen werden, sondern mit gerichteter Handlung. Dabei sollte man sich auf die Dinge konzentrieren, die man selbst unter Kontrolle hat und diese Schritt für Schritt abarbeiten, um das Hindernis aus dem Weg zu schaffen und seinen Zielen näher zu kommen. Dazu muss man beharrlich sein und sich so  lange in seine Probleme „verbeissen“, bis man diese gelöst hat.

Diesbezüglich führt Holiday z.B. an, dass man im Business die meisten Fehlschläge nicht persönlich nimmt und versteht, dass sie Teil des Prozesses sind. Da muss ich Holiday widersprechen. So sollte es in einer idealen Welt aussehen, aber in Wirklichkeit ist das aus meiner persönlichen Erfahrung nicht so. Trotzdem gibt er eine aus meiner Sicht gute Definition eines Entrepreneurs.

Ein Entrepreneur ist jemand der:

  • mit einer bestimmten Position oder Einstellung nicht „verheiratet“ ist
  • niemals Angst hat einen kleinen Teil seines Investments zu verlieren
  • niemals verbittert oder beschämt ist
  • niemals zu lange aus dem Spiel raus ist
  • jemand der oft ausrutscht, aber niemals hinfällt.

Dazu muss man von seinen Fehlern lernen und sich an den Prozess halten. Dieser konzentriert sich darauf die richtigen Dinge, jetzt zu tun und sich nicht auf die Ergebnisse zu konzentrieren oder darauf was in der Zukunft passieren mag.

Der Wille: Der Wille ist unsere innere Kraft, die nicht durch die äußere Welt beeinflusst werden kann. Um uns unseren Willen zu nutze zu machen, müssen wir uns folgendes bewusst machen:

  • sei immer vorbereitet auf schlechtere Zeiten
  • akzeptiere immer das was du nicht ändern kannst
  • manage immer deine Erwartungen
  • halte immer durch
  • lerne immer dein Schicksal und was dir passiert zu lieben
  • beschütze immer dein inneres Selbst
  • beuge dich immer dem „größeren“, ganzen Grund
  • erinnere dich immer an deine Sterblichkeit
  • und vor allem sei darauf vorbereitet den ganzen Zyklus von vorne zu starten

Mich persönlich hat die stoische Lebenshaltung tief beeindruckt. Vor allem wenn man bedenkt, dass diese Philosophie über 2000 Jahre alt ist. Wir bilden uns heutzutage ein, dass wir eine so weit entwickelte Kultur sind und schaffen es doch nicht die einfachsten (und oft wichtigsten) Dinge des Lebens zu erfassen. Wir lassen uns verwirren und verängstigen und trauen uns nicht das zu tun was getan werden muss, um unser Lebensglück zu finden. Und gerade deshalb finde ich, dass der Stoizismus in unserer heutigen Zeit, wo das Leben auf maximale Unterhaltung, Bespaßung und Komfort ausgelegt ist, passender und wichtiger denn je ist.

Das waren also meine Top 5 Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ich hoffe ich konnte euch den Inhalt des ein oder anderen Buches näher bringen und euch neugierig auf den tieferen Inhalt machen. Denn nichts geht darüber diese Bücher selbst zu lesen – in ihrer ganzen Vollständigkeit – um die jeweils dahinter liegenden Philosophien und Ansichten ganzheitlich fassen zu können.

Photo by Michael Shannon on Unsplash

Meine 5 Lieblingsbücher des Jahres 2017 – Teil 1

Heute mal ein etwas anderer Artikel. Ich wollte euch meine persönlichen Highlights an Büchern vorstellen, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Die folgenden 5 Bücher haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und mein Denken nachhaltig verändert. Viel Spaß beim reinstöbern und nicht vergessen: nichts geht über die Lektüre des Originals.

1. Linchpin (Seth Godin)

Linchpin von Seth Godin habe ich im Original auf Englisch gelesen. Seth Godin ist meiner Meinung nach einer der bemerkenswertesten Marketer der heutigen Zeit. Er führt einen Blog auf dem er jeden Tag einen Blogpost macht. Er hat erst vor kurzem die Nummer 7000 geknackt, was fast 20(!) Jahre tägliche Blogposts bedeutet. Fast noch beeindruckender ist, dass er nach seiner eigenen Aussage aber pro Jahr ca. 1000 Artikel verfasst, von denen aber nur ca. 400 postet. Außerdem hat er insgesamt 18 Bücher geschrieben von denen mehrere Bestseller geworden sind. Ganz nebenbei hat er viele kostenlose eBooks zu Themen des Entrepreneurships, Marketings aber auch zum aktuellen Schulsystem und was daran falsch ist geschrieben (Titel: „Stop stealing dreams“ – einfach auf google eingeben, kann ich jedem nur empfehlen). Er hat mehrere Firmen gegründet und ist gefragter Keynote Speaker aufgrund seiner erfrischenden und innovativen Denkweise.

Jetzt aber zu seinem Buch Linchpin. Das Wort bedeutet im englischen soviel wie Dreh- und Angelpunkt, oder auch Stütze. Es geht hauptsächlich darum wie man als Mitarbeiter, aber auch generell als Mensch unersetzlich wird. Ein „Linchpin“ ist nach Godin jemand der eigenständig die schwierigen Probleme löst, für die es kein Standardvorgehen und keine Regeln gibt. Jemand der die emotionale Arbeit leistet die schwierigen Gespräche zu führen und sich so lange in Probleme rein zu lehnen, bis diese gelöst sind. Kurz, jemand der emotionale Arbeit leistet. Kommt euch bekannt vor? Diejenigen die meinen Blog regelmäßig verfolgen, werden mit der Idee bereits vertraut sein.

Ein Linchpin wird von Godin eher als ein Künstler beschrieben. Jemand der genial darin ist Antworten zu finden, neue Verbindungen zu schaffen und neue Wege zu finden die Dinge zu erledigen. Persönlich fand ich auch die Aussage interessant, dass erst Expertise auf einem Gebiet zu genügend Einsichten in den „Status Quo“ führt, so dass man von dort aus ein Gebiet neu definieren oder neu erfinden kann. Man hat also viel bessere Chancen ein Feld umzukrempeln, wenn man den Status Quo besser kennt als jeder andere. Aus dem Buch Linchpin habe ich auch die Idee des „Handwerker Mindsets“ entliehen. So wie ein Handwerker stundenlang seine Arbeit „übt“ und zum Meister seines Handwerks wird, muss ein „Wissensarbeiter“ sein Handwerk ebenfalls üben und das besteht darin sich seinen Ängsten zu stellen – sich mit Menschen verbinden, erfinden, verkaufen, sich schwierigen Problemen stellen. Genau diese Art von „emotionaler Arbeit“ sollte vertieft werden. Das Erbringen dieser Art emotionaler Arbeit wird von Godin als Kunst definiert. Zwei meiner absoluten Lieblingszitate aus dem Buch:

Art is a personal gift that changes the recipient. The medium doesn’t matter. The intent does. Art is a personal act of courage, something one human does that creates change in another.

Art is the product of emotional labor. If it’s easy and risk free, it’s unlikely that it’s art.

Gerade das erste Zitat ist wunderschön und absolut wert etwas länger darüber nachzudenken.

2. Tools of Titans (Tim Ferriss)

Tools of Titans ist das 4. Buch von Tim Ferriss. Einige werden vielleicht seine „4-hour…“ Buchreihe kennen. Ferriss hat mit seinem ersten Buch „The 4 hour workweek“ den Begriff des „lifestyle designs“ geprägt. Den Hauptteil seines Vermögens hat Ferriss jedoch nicht durch sein eigenes Business BrainQuicken (welches er verkauft hat und welches zum Teil in seinem ersten Buch beschrieben wird) oder durch das Bücherschreiben verdient, sondern als Investor bzw. „Business Angel“ in Tech-Start-Ups im Silicon Valley. So hat er z.B. früh in Facebook und Twitter investiert.

Nachdem er eine Auszeit und etwas Abwechslung gesucht hat, startete er einen Podcast, die „Tim Ferriss Show“. Der Podcast ist so ziemlich der #1 Business Podcast auf iTunes und wurde zum Stand 2016 weit über 100.000.000 mal runtergeladen. Auf dem Podcast interviewt er Leute wie Richard Branson, Arnold Schwarzenegger, Jamie Foxx, den WordPress-Gründer Matt Mullenweg, aber auch weniger bekannte Leute welche, die absolute Speerspitze ihres Bereiches bilden. In dem Buch Tools of Titans destillierte Ferriss die absoluten Diamanten von über 200 Interviews in handlichen Profilen über jeden Interviewgast.

Das Buch ist unterteilt in 3 Kapitel – Health, Wealth und Wise. Durch die besondere Form ist das Buch schwer zusammen zu fassen, da es keine einzige große Theorie gibt, die das Buch durchzieht. Die Ansätze und Gedankengänge seiner Interviewpartner sind teilweise widersprüchlich, was das Buch so interessant macht. Die 10 Lieblings-Profile eines Lesers können völlig gegensätzlich zu einem anderen Leser sein und umgekehrt. Daher werde ich einfach drei meiner „liebsten“ Persönlichkeiten vorstellen, die mich mit am meisten beeindruckt haben und ihre interessantesten Theorien und Gedankengänge. Dazu muss ich sagen, dass mir die Eingrenzung sehr schwer fällt, da es so verdammt viele gute Profile gibt.

Scott Adams:

Adams ist der Schöpfer des Dilbert Comics, welcher in 19 Sprachen, über 2000 verschiedenen Zeitungen und 57 Ländern erschienen ist.

Zitat: „Losers have goals. Winners have systems.

Die dazugehörige Ansicht bzgl. „Ziele“ vs. „Systeme“ fand ich sehr interessant. Adams hat in seiner Lebensgestaltung keine statischen Ziele, sondern Systeme verfolgt, die ihm sogar bei einem ultimativen Scheitern übertragbare Fähigkeiten geben. Grundsätzlich stellt er sich die Frage „Welche anhaltende Fähigkeit oder Beziehung kann ich entwicklen?“ im Gegensatz zu „Welches kurzfristige Ziel kann ich erreichen?“. Ersteres beinhaltet einen potentiellen Schneeballeffekt, welcher dafür sorgt, dass man für die nächsten Projekte oder Vorhaben besser dasteht als vorher. Letzteres ist ein binäres bestehen/scheitern.

Als Beispiel gibt Adams das Blogging an. Als er damit anfing machte das eigentlich keinen Sinn, da es für ihn einen immensen Zeitaufwand bedeutete ohne wirklichen (monetären) Benefit. Schreiben ist aber eine Fähigkeit, welche Übung benötigt. Also war der erste Teil seines Systems das regelmäßige Schreiben als Übung. Er wusste zum damaligen Zeitpunkt aber noch nicht, wofür genau er üben würde, was es seiner Ansicht nach zu einem System und zu keinem Ziel macht. Der zweite Teil seiner Blogging Aktivität bestand in einer Art Entwicklung seiner Schreibertätigkeit. Er schreibt über eine große Anzahl von Themen und in verschiedenen „Stimmen“. Er wertete jeden Artikel bzgl. des Erfolgs bei den Lesern aus und was am besten ankam. Als dann das Wall Street Journal auf seinen Blog aufmerksam wurde und ihn anfragte, ein paar Gastartikel zu schreiben, wusste er schon, was gut bei den Lesern ankam und was nicht. Das führte dazu, dass seine Artikel sehr populär wurden. Richtig Geld haben die Artikel nicht gebracht, aber es hat schön in sein System des „öffentlichen Übens“ gepasst. Seine Beiträge auf dem Wall Street Journal und sein Blog führten dazu, dass Buchverlage ihn kontaktierten, was zu einem Buchvertrag führte. Der Buchvertrag führte zu Redneraufträgen (z.B auf Konferenzen), die wiederum mit aberwitzigen Summen entlohnt werden. Insgesamt führte sein Blogging zu mehreren Geschäftsmöglichkeiten. Schlussendlich kam also der große „Zahltag“ für sein System des Bloggings, aber er wusste zu Beginn nicht auf welchen Weg ihn das Bloggen bringen würde.

James Altucher:

Altucher ist ein amerikanischer Hedge Fonds Manager, Entrepreneur und Bestselling Autor. Er hat über 20 Firmen gegründet oder mitbegründet. 17 davon sind gescheitert, 3 haben mehrere Zehn-Millionen eingebracht.

Zitat: „Wenn dir keine 10 Ideen einfallen, dann lass dir 20 einfallen.“

Altucher übt sich jeden morgen darin 10 Ideen aufzuschreiben. Der Sinn dahinter ist ist es, den „Ideen Muskel“ und das Selbstvertrauen in die „on-demand“ Kreativität zu trainieren. Regelmäßige Übung ist also wichtiger als die Themen der 10 Ideen. Sein Tipp wenn man nicht 10 Ideen generieren kann. Einfach 20 Ideen generieren. Man hat meist zu hohe Ansprüche an seine eigenen Ideen. Perfektionismus ist der Feind in dieser Übung. Unser Gehirn versucht uns vor möglicher Scham zu bewahren, Scham davor mit einer Idee aufzukommen, welche peinlich und blöd ist. Der Trick ist es sein Gehirn in diesem Sinne abzuschalten und mit „schlechten“ Ideen zu kommen.

Der richtige Clou kommt noch: Anschließend teilt er sein Stück Papier in 2 Spalten. Links stehen die 10 Ideen und rechts der erste Schritt. Nur der allererste Schritt, den man machen müsste um mit dieser Idee zu beginnen. Kommt euch bekannt vor? Darüber habe ich erst vor kurzem im Zusammenhang mit „action this day“ geschrieben.

Hier eine Auswahl an Arten von Listen die er macht:

  • 10 alte Ideen, die ich neu machen kann
  • 10 lächerliche Dinge, die ich erfinden würde (z.B. die smarte Toilette)
  • 10 Bücher die ich schreiben kann
  • 10 Business Ideen für Google, Amazon, Twitter, etc.
  • 10 Leute denen ich Ideen zukommen lassen kann
  • 10 Podcast Ideen oder Videos die ich machen kann
  • 10 Industrien in denen ich den Mittelsmann umgehen kann
  • 10 Dinge denen ich widerspreche, bei denen alle anderen glauben es ist „Religion“ (z.B. College, Hausbesitz, Wahlen, Ärzte, etc.)
  • 10 alte Blogbeiträge von mir, aus denen ich Bücher machen kann
  • 10 Dinge, die ich gestern gelernt habe
  • 10 Wege, wie ich Zeit sparen könnte
  • 10 Dinge, die ich von X gelernt habe (X kann ein Mensch, Buch oder sonstiges sein)
  • 10 Dinge in denen ich daran interessiert bin, besser zu werden
  • 10 Dinge an denen ich als Kind interessiert war und bei denen es spaßig sein könnte sie jetzt zu erkunden
  • 10 Wege wie ich ein Problem lösen könnte, welches ich gerade habe

Derek Sivers:

Sivers ist ein Tausendsassa. Angefangen hat er als professioneller Musiker, arbeitete zwischendurch als Zirkusclown (kein Scherz) und brachte sich selbst das Programmieren bei. 1998 gründete er CD Baby. Die Firma wurde zum größten Online Verkäufer von Independent-Musik. 2008 verkaufte Sivers CD Baby für 22 Millionen Dollar.

Zitat: „Wenn (mehr) Informationen die Antwort ist, dann wären wir alle Milliardäre mit perfekten Bauchmuskeln.“

Kommentar von Tim Ferriss dazu: „Es kommt nicht darauf an was du weißt, sondern darauf was du konsequent tust.

Sivers Profil würde ich am liebsten 1:1 hier rein kopieren, aber das würde den Rahmen des Artikels endgültig sprengen. Es gibt einfach zu viele Weisheiten von ihm, teilweise in einem Einzeiler. Einige davon sind folgende:

  • Wie kann man in einer unbekannten Zukunft gedeihen? Wähle den Plan mit den meisten Optionen. Der beste Plan ist derjenige, welcher dich die Pläne ändern lässt.
  • Sei teuer. Anmerkung von mir: Jeder der sich schonmal mit Preisbildung für sein eigenes Produkt oder Dienstleistung beschäftigt hat, wird damit etwas anfangen können. Das Preisrennen gen Boden kann man als Kleinunternehmer nicht gewinnen. Gegen Amazon und die anderen Riesen kommt man nicht an, weswegen man teuer sein muss. Sei Premium und sorge dafür, dass der Wert deiner Leistung dazu passt und du passend zum Preis ablieferst.
  • Rechne mit Katastrophen
  • Besitze so wenig wie möglich

Eine andere Lebensphilosophie, die ich sehr interessant finde: „Sei kein Esel.“ Der Hintergrund dazu: Der Satz war die Antwort auf die Frage von Ferriss welchen Ratschlag Sivers seinem 30-jährigen Selbst geben würde. Nach seiner Erfahrung versuchen 30-jährige sich in viele verschiedene Richtungen zu entwickeln, verzeichnen aber in keiner einzigen so richtige Fortschritte. Sie sind frustriert darüber, dass die Welt sie zwingt sich für eine Sache zu entscheiden, weil sie alles machen wollen. Das Problem dabei ist, dass sie eine kurzfristige Denkweise haben und handeln so als ob sie nichts schaffen würden, wenn sie nicht noch in dieser Woche für alle Bereiche etwas tun. Die Lösung ist es langfristig zu denken. Zu realisieren, dass man eine Sache für ein paar Jahre machen kann, dann eine andere Sache für ein paar Jahre und dann noch eine andere. Es gibt dazu eine passende Fabel: Ein Esel steht in der Mitte zwischen einem Haufen Heu und einem Eimer Wasser. Er schaut immer abwechselnd nach links zum Heu und nach rechts zum Wasser und versucht sich zu entscheiden. Heu oder Wasser, Heu oder Wasser? Er ist unfähig zu entscheiden und bricht schließlich vor lauter Hunger und Durst zusammen und stirbt. Ein Esel kann nicht an die Zukunft denken. Wenn er es würde, würde er feststellen, dass er zuerst zum Wasser gehen kann und anschließend zum Heu. Also ist der Ratschlag an sein 30-jähriges Selbst kein Esel zu sein. Man kann alles machen was man will. Man braucht nur Weitblick und Geduld.

Was ich persönlich bei Sivers noch absolut faszinierend finde, ist seine Art businessbezogene Entscheidungen zu treffen. Es gibt eine sehr unterhaltsame Geschichte von ihm wie er zu Beginn seiner Firma CD Baby das Business Modell und die Preisgestaltung festgelegt hat. Er lebte damals in Woodstock, New York und es gab in der Stadt einen kleinen Plattenladen, der CDs von lokalen Musikern verkauft hat. Also ist Sivers einfach in den Laden gegangen und fragte: „Hey, wie funktioniert das hier wenn ich eine CD verkaufen will?“ Und sie sagten: „Naja, du legst den Verkaufspreis so fest wie es dir passt. Wir behalten lediglich 4$ von jeder verkauften CD. Komm einfach jede Woche vorbei und wir bezahlen dich.“. Also ging Sivers nach Hause, setzte sich an seine Webseite und schrieb: „Du legst den Verkaufspreis fest wie du magst, wir behalten lediglich 4$ pro verkaufter CD und wir bezahlen dich jede Woche.“ Dann stellte er fest, dass es ihn 45 Minuten Zeit kostete, um ein Album in sein System zu übertragen. Er dachte sich, dass 45 Minuten seiner Zeit 25$ wert wären. Also würde er 25$ als einmalige Einrichtungsgebühr verlangen. Und dann dachte er „Oooooh, in meinem Kopf hören sich 25$ und 35$ nicht großartig anders an, wenn es um Kosten geht. 10$ wäre was anderes und 50$ wäre was anderes. Aber 25$ und 35$ ist irgendwie das Gleiche. Also werde ich einfach 35$ festlegen. Das gibt mir die Möglichkeit jedem der danach fragt einen Nachlass zu gewähren. Wenn jemand am Telefon ist und einen sauren Eindruck macht, dann kann ich sagen ‚Hey, weißt du was? Ich gebe dir einen Rabatt.“ Und so machte er es dann. 35$ einmalige Einrichtungsgebühr und 4$ pro verkaufter CD und das war’s dann für die nächsten 10 Jahre. Das war sein ganzes Business Modell, welches er in 5 Minuten dadurch generierte, dass er in einen lokalen Plattenladen ging und die Leute dort fragte wie sie das machen.

Ich persönlich finde das absolut genial. Das zeigt, dass ein Business Plan oder Modell nicht hochkompliziert und anspruchsvoll sein muss. KISS – Keep It Simple, Stupid.

Es gibt noch viel, viel mehr coole Geschichten von Derek Sivers. Am besten hört ihr euch die Podcast Folge mit ihm und Tim Ferriss selbst an:

https://tim.blog/2015/12/14/derek-sivers-on-developing-confidence-finding-happiness-and-saying-no-to-millions/

Insgesamt ist das Buch sehr gut als Abendlektüre im Bett geeignet. Man kann es durchblättern und sich schnell und bündig durchlesen wie ein bestimmter Mensch das Leben sieht und wie er handelt. Sehr gut zum stöbern geeignet.

Da der Artikel insgesamt sehr lang geworden ist, habe ich ihn in zwei Teile gesplittet. Nächste Woche kommt dann der zweite Teil mit den drei anderen Büchern.

Stay tuned! 😉

Photo by Teddy Kelley on Unsplash

Freiheit durch Disziplin

Hast du auch schonmal „erfolgreiche“ Leute beobachtet und dir gedacht: „wie zur Hölle schaffen die das?!“ Nehmen wir z.B. Richard Branson. Er hat im Laufe seiner unternehmerischen Laufbahn über 300 (!) Unternehmen aufgebaut. Man braucht ja nur mal auf Wikipedia in die Liste seiner Virgin Group Unternehmen zu schauen. Ganz „nebenbei“ engagiert er sich für Umweltschutz, verfolgt philanthropische Tätigkeiten, treibt sehr viel Sport (meistens auf seiner Privatinsel Necker Island), spricht auf vielen Veranstaltungen zu jungen Unternehmern, hat sich an einige Weltrekordversuche gewagt (z.B. Heißluftballonüberquerung des Atlantik) und hat nicht zuletzt eine Familie mit Frau und zwei Kindern. Von seiner verrückten Vergangenheit bestehend aus Sex, Drugs und Rock’n’Roll wollen hier erst gar nicht sprechen. Außerdem ist der Typ die Leichtigkeit in Person und anscheinend niemals gestresst. Also, wie zum Teufel schafft dieser Branson das?

Auf diese Frage wird es mit Sicherheit keine leichte und eindimensionale Antwort geben. Letzten Endes werden viele Faktoren mit in die Gleichung einfließen ob und wie erfolgreich jemand wird. Aber bei den vielen Biografien die ich inzwischen von vermeintlich erfolgreichen Leuten wie z.B. Steve Jobs, Winston Churchill, Arnold Schwarzenegger oder dem eben angesprochenen Richard Branson (Pardon, SIR Richard Branson) gelesen habe, kann man einen roten Faden erkennen. Eine Sache ist all diesen Leuten gemein. Jeder von ihnen legt eine unglaubliche Disziplin an den Tag. Wenn sie sich einmal an einer Sache festgebissen haben, dann brennen sie so dermaßen dafür, dass es sie erst wieder loslässt, wenn sie ihr Ziel erreicht haben.

Folgendes wird dir mit Sicherheit bekannt vorkommen. Wenn du mal eine Idee für etwas hast, dir etwas in den Kopf gesetzt hast oder einfach nur Feuer gefangen hast für ein bestimmtes Thema, dann bist du am Anfang ganz enthusiastisch und positiv aufgeregt. Du willst ganz schnell anfangen und alles sofort umsetzen und machen. Doch nach einiger Zeit, manchmal schon am nächsten Tag, erscheint dir die Idee oder das Vorhaben doch wieder nicht so gut. Du landest wieder im alten Trott. Sogar wenn du die Idee immer noch gut findest, so hat dich nach einigen Tagen oder Wochen der Feuereifer wieder verlassen und es wird mühselig. Wie vermeiden erfolgreiche Leute wie Richard Branson solche „Fallen“?

Was ich aus vielen Biografien herausgezogen habe:

1.) Wenn du einmal eine Entscheidung getroffen hast, dann hinterfrage diese nicht mehr, sondern arbeite an der Umsetzung.

Was genau meine ich damit? Was ich an mir selber und einigen anderen Leuten feststelle, ist, dass Entscheidungen keine wirklichen Ent-Scheidungen sind. Wir entscheiden nicht endgültig, sondern lassen uns noch eine Tür auf. Die Entscheidung ist oft nicht lange genug bis zum Schluss durchdacht worden und vor allem fehlt das „Commitment“, die Selbstverpflichtung darauf. Die Selbstverpflichtung ist fast noch der wichtigere Aspekt. Denn wenn es mal unangenehm wird (und das wird es früher oder später immer), dann sorgt das richtige Commitment auf die getroffene Entscheidung dafür, dass ich dran bleibe und nicht den nächstbesten leichten Ausweg nehme.

2.) Richte deine Umwelt so ein, dass sie zu deinen Zielen passt und nicht umgekehrt.

Ich stelle bei mir selber fest, dass ich meine Ziele und Vorhaben an meine aktuelle Lebenssituation und meine Umwelt anpasse. Das kommt mir ganz natürlich und normal vor. Ich habe nunmal den Job den ich habe, lebe in der Stadt in der ich lebe, habe Zugriff auf die Leute die ich nunmal kenne und benutze die Hilfsmittel mit denen ich mich auskenne. Wenn meine Ziele aber mit den Randbedingungen meines aktuellen Umfeldes nicht effizient zu erreichen sind, dann ist das ungefähr so als schiebe man eine riesige Steinkugel einen Berg hinauf. Idealerweise sollte man den Stein aber bergab rollen lassen. Soll heißen: gegen meine Umwelt komme ich nicht an (in dem Fall, dass meine Ziele gegenläufig zu meinem Umfeld sein sollten). Wenn ich das weiß, dann sollte ich lieber mein Umfeld so einrichten, dass es kongruent zu meinen Zielen ist. Als Arnold Schwarzenegger z.B. der beste Bodybuilder aller Zeiten werden wollte, ist er ins Mekka der Bodybuilding Szene gezogen – aus dem beschaulichen Thal in Österreich ins kalifornische Venice Beach – nur um sicherzugehen, mit den damals besten Bodybuildern zusammen trainieren zu können, von ihnen zu lernen, mit ihnen zusammen zu leben, um sich an der Spitze der Szene zu tummeln und möglichst viel Zeit mit den A-Spielern zu verbringen, um dann selber zur absoluten Speerspitze zu werden.

3.) Sofortiges Handeln

Es kam nicht selten vor, dass die Sekretärinnen von Winston Churchill sich bis 2 Uhr Nachts in Bereitschaft halten mussten um Diktate von ihm entgegen zu nehmen. Egal ob es um eines seiner nobelpreisträchtigen historischen Werke, politische Anweisungen als Premierminister oder einfach nur Ideen für die Umgestaltung seines Landsitzes handelte. Wenn ihm etwas im Kopf herumspukte, dann musste er sofort darauf handeln, und sei es auch nur den ersten Schritt zu tun und es irgendwo handschriftlich festzuhalten. Daraus ist auch seine berühmte „action this day“ Mentalität entstanden.

Wenn erstmal die Entscheidung mit der dazugehörigen Selbstverpflichtung gefällt wurde, das Umfeld an die eigenen Ziele angepasst wurde, dann müssen alle dieses Ziel betreffenden Ideen sofort in Handlungen umgesetzt werden. Nur so kommt man seinen Zielen konsequent Schritt für Schritt näher.

Diese drei Punkte von oben verlangen einem eine gehörige Portion Disziplin ab. Frag mich nicht wie man diese Disziplin konsistent an den Tag legt – ich habe dazu auch noch keine Lösung gefunden. Aber mir ist in diesem Zusammenhang eine Leuchte aufgegangen.

Disziplin bedeutet Freiheit

Die besten Dinge des Lebens liegen hinter der Grenze der Disziplin. Viele Dinge des Lebens die als erstrebenswert angesehen werden, können nur mit der ausreichenden Disziplin erreicht werden.

Ein schlanker Körper wird nur durch die richtige Ernährung und sportliche Betätigung erreicht. Einmal reicht da nicht. Deswegen benötigt es eine ordentliche Portion Disziplin um einen starken, gesunden Körper aufzubauen.

Eine liebevolle, verständnisvolle, erhebende Beziehung zu seinem Partner ist nur möglich, wenn man bereit ist die vielen, teils unangenehmen Gespräche zu führen und wirklich an der Beziehung zu arbeiten und diese aufzubauen. Auch das ist ohne Disziplin nicht möglich.

Beruflichen Erfolg zu haben, wie auch immer man diesen für sich persönlich misst, erfordert viel Übungszeit um in seiner Profession besser zu werden. Es erfordert viele unangenehme Gespräche zu führen, Verantwortung zu übernehmen und emotionale Arbeit zu leisten. Das hat ohne Disziplin mit Sicherheit noch keiner geschafft.

Wäre das nicht ein guter Vorsatz für das nächste Jahr? Jeden Tag mit etwas mehr Disziplin zu leben? Auch wenn es noch etwas früh ist für Neujahrsvorsätze….

Eine kleine Geschichte am Rande

Letztens hatten wir ein interessantes Erlebnis. Meine Frau und ich haben uns was feines gegönnt. Ein ordentliches Boxspringbett. Anlieferung und Aufbau waren in dem Kaufpreis inklusive. Als das Bett dann tatsächlich nach 3 Monaten angeliefert wurde (musste ja immerhin maßgeschneidert für uns angefertigt werden – angeblich in Deutschland, gut, wenn man Polen zu Deutschland dazu zählt, glaube ich das vielleicht sogar), gab es ein kleines Problem. Die zwei obersten Matratzen hatten wir in einem gemeinsamen Bezug bestellt. Leider wurde das falsch angeliefert und wir hatten jede Matratze in einem einzelnen Bezug bekommen. Ok, ist erstmal kein Weltuntergang. Meine Frau hat die Monteure darauf hingewiesen, diese haben sich das Ganze notiert und sind dann abgezogen.

Ein paar Wochen später trudelt bei uns ein Brief ein, mit ungefähr folgendem Inhalt: „Das Bett wurde geliefert wie bestellt, deswegen wird die Reklamation nicht akzeptiert“.

Ok, muss sich um einen Fehler handeln. Nicht weiter schlimm, ein Anruf sollte das Ganze klären. Also im Möbelhaus beim Kundenservice angerufen und den Vorgang geschildert. Die Dame am Telefon war ganz offensichtlich gelangweilt und genervt und hat uns an ihre Kollegin verwiesen, welche sich aber noch in der Mittagspause befand. Wir sollen doch später nochmal anrufen. Gesagt, getan. Zwei Stunden später nochmal angerufen, an die „richtige“ Kollegin verwiesen worden, nochmal den Sachverhalt erklärt. Die „richtige“, zuständige Kundendienstmitarbeiterin war sogar noch unfreundlicher, noch unmotivierter und noch angepisster als ihre Kollegin, die wir zuerst am Telefon hatten (vielleicht lag es an mangelnder Kohlenhydratzufuhr, weil es in der Mittagspause nur Salat gab oder mangelndem Sex, ich weiß es nicht…). Auf jeden Fall war die Kundendienstmitarbeiterin am Ende so genervt, dass sie uns an unseren Verkäufer verwiesen hat, bei dem wir das Bett im Laden gekauft und bestellt hatten – aber den könnten wir vielleicht nicht mehr erwischen, weil er jetzt Mittagspause haben müsste (irgendwie könnte man den Eindruck bekommen, dass in diesem Möbelhaus die Mitarbeiter den ganzen Tag nur Mittagspause machen…wäre vielleicht auch besser so, naja…).

Eine kleine Randbemerkung zu dem besagten Verkäufer. Trotz seines jungen Alters (oder vielleicht auch gerade deswegen), ist er uns schon im Verkaufsgespräch sehr positiv aufgefallen. Der Junge hat seinen Job echt gut und offensichtlich mit Spaß und Leidenschaft gemacht.

Zurück zur eigentlich Situation. Nachdem die Kundendienstmitarbeiterin nach unserem Telefonat den jungen Verkäufer informiert hat, hat dieser uns prompt zurückgerufen – aus seiner Mittagspause heraus. Er war super freundlich, konnte sich noch an uns erinnern und wusste noch mit welchen „Extras“ wir vor 3 Monaten unser Bett bestellt hatten, weil er sich seine eigenen Notizen dazu gemacht hat. Er hat direkt bestätigt, dass anscheinend im Bestellprozess etwas schief gelaufen ist, dass es sogar sein Fehler war. Er hat sich aufrichtig dafür entschuldigt und uns versprochen, dass er sich sofort darum kümmern wird. Wir werden unseren großen Bezug auf jeden Fall nachgeliefert bekommen, inkl. „Montage“.

SO stelle ich mir Kundenservice vor. Dabei war der Junge noch nichtmal im Kundenservice und es war eigentlich gar nicht sein Job. Er hat aber Verantwortung übernommen und sich darum gekümmert, dass dem Kunden geholfen wird. Natürlich könnte man jetzt sagen, dass er den Fehler verursacht hat und für diesen auch gerade stehen muss. Alles schön und recht, aber der Kundenservice ist nunmal der erste Ansprechpartner für diese Art von Problemen und es ist dessen Aufgabe sich darum zu kümmern.

Fehler passieren immer wieder und ich bin nicht der Typ, der dann sofort aus der Haut fährt und den Fehlerverursacher zusammenstaucht. Aber die Art und Weise wie die eigentlichen Kundendienstmitarbeiterinnen ihren Job erledigt (oder nicht erledigt) haben, geht gar nicht. So zu tun, als ob das einen alles gar nix angehen würde und unangenehme Dinge von sich zu schieben, einfach weil man gerade keinen Bock hat, macht mich stinksauer. Wenn ich der Besitzer des Möbelhauses wäre, würde ich die zwei demotivierten Frauen aus dem Kundenservice hochkant rausschmeißen und den Verkäufer zum Chef des Kundenservice befördern. Der Junge hat ganz offensichtlich verstanden was es bedeutet emotionale Arbeit zu leisten und Probleme zu lösen – im Gegensatz zu seinen zwei Kolleginnen. Ganz abgesehen davon, dass er es auch verstanden hat einen Fehler offen und ehrlich zuzugeben und für diesen Verantwortung zu übernehmen.

Dieses „Phänomen“ muss ich leider immer wieder beobachten. Es ist schon ein bisschen traurig welche Haltung viele Menschen in unserer Gesellschaft einnehmen. Einige Leute fühlen sich anscheinend anspruchsberechtigt, ohne etwas dafür tun zu müssen.

Ich verdiene ein angenehmes Leben.

Ich verdiene eine Gehaltserhöhung. Ich bin schließlich jeden Tag pünktlich auf der Arbeit.

Ich verdiene es, dass ich gelobt und bewundert werde.

Ich verdiene es, geliebt zu werden.

Die Welt ist niemandem etwas schuldig. Es ist eher umgekehrt so, dass man es der Welt schuldig ist, seinen Beitrag zu leisten. Und zwar mit Würde, Anmut und Leidenschaft. Das Wort „verdienen“ beinhaltet schon das Wort „dienen“. Man muss erstmal seinen Dienst leisten, bevor man sich etwas verdient. Und die Grenze ab der man seinen Dienst abgeleistet und sich etwas verdient hat, ist bei einigen Leuten anscheinend bei Null. Kein Anspruch an Qualität, kein Anspruch an Herausforderung und Disziplin. Einfach nur erscheinen und da sein. Zack, „ich bin berechtigt“. So einfach ist es aber nicht. Darf es nicht sein.

„Diese Spieler, diese zwei, drei Spieler, waren schwach wie eine Flasche leer… Strunz! Was erlauben Strunz? … Ich habe fertig!“ – Frei nach Giovanni Trapattoni