Archiv für den Monat: Juli 2018

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Quo vadis Innovation ?

Wie könnten zukünftige Innovationen rund um Start-Ups aussehen? Wie generiert man Ideen die wirklich zukunftsfähig sind und ein reales Bedürfnis von Kunden decken und nicht nur den Anschein einer plausiblen Idee haben?

Aktuell geht der Trend sehr stark zu Technologie Unternehmen. Facebook hat zwar schon einige Jährchen auf dem Buckel, gilt aber immer noch als Paradebeispiel der Tech-Firmen. Andere Start-Ups versuchen es Facebook nachzumachen und ein milliardenschweres Geschäftsmodell zu entwickeln. Dabei haben die meisten Gründer einen technischen Hintergrund aus der Informatik, sind also Programmierer oder sonstige IT Spezialisten. Am liebsten hätten sie es wenn sie einen Code schreiben, ihn online stellen und schwupps hat man ein milliardenschweres Unternehmen. Keine schnöde Akquise, kein Kundenkontakt, kein ätzender Service. In Ruhe was zusammen hacken und absahnen. Leider funktioniert das so nicht. Die meisten innovativen Start-Ups der letzten Jahre, sind weniger auf der technologischen Ebene innovativ, als vielmehr auf der psychologischen Ebene. Gerade Facebook ist da ein Paradebeispiel. Facebook bedient unser Ur-Bedürfnis nach sozialem Kontakt, nach Austausch und Vernetzung und auch nach „Stalking“. Wir interessieren uns eben für die Leben anderer Leute, am besten Leute die wir kennen und am allerbesten können wir das Leben dieser Leute verfolgen, ohne dass diese Leute viel davon mitbekommen.

AirBnB ist auch ein gutes Beispiel für ein Start-Up, das eher auf einer psychologischen Innovation basiert. Vermittlungsportale rund um Ferienwohnungen gab es schon lange vor AirBnB. Die Gründer von AirBnB haben aber festgestellt, dass viele Reisende das Bedürfnis haben in „echten“ Wohnungen zu übernachten. Vll. sogar nur in einem Zimmer zu Gast bei anderen Leuten zu sein. Neue Menschen kennenlernen, mit ihnen eine Verbindung eingehen, sich von ihnen die neue Stadt zeigen lassen. Nicht irgendwo anonym ein Zimmer von einer riesigen, gesichtslosen Gesellschaft mieten, sondern sich mit „echten“ Menschen verbinden. Das ist die wahre Innovation von AirBnB und die hat mit Technologie nicht viel zu tun.

Wie kommt man jetzt also auf Ideen die eine Innovation sein könnten? Meiner Meinung nach müsste man sich sehr viel mit den psychologischen Mechanismen des menschlichen Verstandes beschäftigen, mit den wahren Bedürfnissen die rund um Themen wie Reisen, Mobilität, Wohnen, Beziehungen, Arbeit, Gesundheit und Fitness entstehen. Viele Unternehmen sind in den vorher genannten Bereichen sehr erfolgreich unterwegs, bedienen aber nur das primäre, offensichtliche, „oberflächliche“ Bedürfnis. Es gibt rund um diese Themen aber noch viele, bis dato nicht identifizierte und oder bediente Bedürfnisse.

Es ist natürlich von Vorteil wenn man ein solches Bedürfnis findet und eine Methode hat, dieses adäquat zu adressieren, die Methode auch selber umsetzen zu können, sprich sie programmiertechnisch selbst realisieren zu können. Zumindest eine erste, rudimentäre Version, die als MVP dienen kann. Dies empfinde ich persönlich aber nicht als so kritisch wie die Fähigkeit sich empathisch in jemanden reindenken und sein wahres Bedürfnis rund um ein Angebot erfühlen zu können.

Oftmals reicht es aus, wenn wir etwas Introspektion betreiben und in uns selbst reinschauen. Was sind unsere eigenen Bedürfnisse wenn es ums Reisen oder Wohnen oder die Arbeit geht? Was ist uns wichtig? Was brauchen wir von einem Service, was wir uns nicht mal selbst bewusst machen, es aber spüren?

Welchen Service oder welches Produkt würdet ihr euch in eurem Leben wünschen? Was vermisst ihr? Was gibt es Eurer Meinung nach noch nicht oder nicht gut genug oder nicht in ausreichender Menge?

Wenn ihr frei von den von euch erfühlten Zwängen wärt und euer einziger Job darin bestünde das Leben anderer Menschen zu verbessern, welche Innovation würdet ihr dann auf die Beine stellen?

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Wieviel ist genug?

Letztens bin ich auf eine amerikanische Studie gestoßen, die besagte dass das Wohlbefinden sich über ein Haushaltseinkommen von 75.000 Dollar jährlich nicht mehr steigert. Wohlgemerkt muss hier zwischen dem erlebten Wohlbefinden und der generellen Lebenszufriedenheit unterschieden werden, denn die Lebenszufriedenheit wurde von den Probanden der Untersuchung über diesen Betrag hinaus mit steigendem Gehalt als höher eingestuft.

Hä? Ich dachte ja immer dass das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit das Gleiche wären. Nach einer tieferen Recherche bin ich auf eine mögliche Erklärung gestoßen. Wir bewerten unser Leben grundsätzlich nach zwei Maßstäben. Einmal durch das erlebende Selbst und durch das erinnernde Selbst. Das erlebende Selbst bewertet das erlebte Wohlbefinden. Dementsprechend gibt es eine Obergrenze an jährlichem Einkommen, über welches hinaus kein weiterer Anstieg des erlebten Wohlbefinden beobachtet werden kann. Das erinnernde Selbst bewertet die Lebenszufriedenheit. Ein höheres Einkommen bringt eine höhere Lebenszufriedenheit mit sich, weit über den Punkt hinaus, an dem es aufhört, irgendeinen positiven Effekt auf die Erfahrung dessen zu haben.

Die Erhebung der Studie ist aus dem Jahr 2010 und leider ging daraus nicht hervor ob es sich um ein Brutto- oder Nettohaushaltseinkommen handelt. Aber gehen wir mal davon aus, dass ein Bruttoeinkommen gemeint war. Wenn man diese Zahl auf 2018 bezieht und um die durchschnittliche jährliche Inflation von 2,2% korrigiert, landet man schon bei einer Summe von ca. 89.000 Dollar. Umgerechnet auf einen Euro Betrag (nach heutigem Umrechnungsfaktor 1 US-$ = 0,806€) ergibt das ca. 72.000€ [1].

Ich frage mich wieso das so ist? Wieso gerade diese Zahl und nicht 40.000€ oder 200.000€?

Anscheinend ist das die Zahl, die man heutzutage benötigt um sich ein angenehmes Leben leisten zu können. Eine schöne Wohnung oder Haus, ein ausreichend luxuriös ausgestattetes Fahrzeug, angemessene Kleidung, Urlaube und andere Freizeitaktivitäten. Alles darüber hinaus würde auf einer Glücklichkeitsskala keinen nennenswerten Sprung mehr machen.

Wenn man sich ein Smartphone leisten kann, dann könnte das subjektive Wohlbefinden einen riesigen Sprung machen. Wenn man sich ein iPhone der vorletzten Generation leisten kann, dann würde man vll. noch einen kleinen Sprung machen. Aber wenn man sich das allerneuste iPhone leisten kann, rührt sich das Wohlbefinden wahrscheinlich überhaupt nicht von der Stelle.

Kein Smartphone –> Smartphone:  entspricht auf einer Glücklichkeitsskala: „3“ –> „7“

Irgendein Smartphone –> iPhone der vorletzten Generation: „7“ –> „7,5“

iPhone der vorletzten Generation –> allerneuestes iPhone: „7,5“ –> „7,5“ [2]

Das würde bedeuten, dass mehr Geld nur dazu führen würde, dass wir uns mehr von der gleichen Sache kaufen könnten, uns der Erwerb dieser Sache aber nicht glücklicher machen würde [3]. Viele der Sachen die uns glücklich machen kann man nicht für Geld kaufen, auch wenn das abgedroschen klingt. Eine stabile Beziehung zu seinem Partner, ein gesundes Selbstbewusstsein, körperliche und psychische Gesundheit, gute Freunde, die Erfüllung des eigenen Geltungssinnes und Selbstverwirklichung.

Ich weiß auch nicht, ob ich die grundsätzliche Aussage glauben kann, dass ein höheres Einkommen über 72.000€ jährlich nicht glücklicher macht. Die in der Studie aufgezeigte Korrelation beträgt zwar genau Null, aber man weiß nichts über die Stichprobe. Vielleicht sind die höchsten in der Studie erfassten Gehälter z.B. 200.000€. Mit solch einem Job steigen natürlich auch die Arbeitsbelastung, der Stress und der erforderliche Zeitaufwand. Bei so einem Gehalt wird die Wochenarbeitszeit jenseits der 60 oder gar 80 Stunden liegen. Dieses Tauschgeschäft zwischen Geld und Zeit wird logischerweise nicht zu einem größeren Glücksempfinden führen. Aber wer durchaus durch das Raster gefallen sein könnte, sind Jahresgehälter jenseits der 1.000.000€. Ab einer gewissen Grenze könnte das subjektiv empfundene Glück durchaus wieder ansteigen.

Was man auch berücksichtigen sollte ist, wer die Studie zu welchem Zweck durchgeführt hat. Es könnte durchaus sein, dass diese Zahlen absichtlich so gewählt wurden, dass sie für einen gewissen Teil der Bevölkerung erreichbar sind. Für viele wird die Summe zumindest in greifbarer Nähe bleiben, so dass man die perfekte Möhre vorgehalten bekommt, der man hinterher rennen kann. Und wenn man die Summe tatsächlich erreicht, soll bezweckt werden, dass einen die eigenen Ambitionen nicht in höhere Regionen locken, da es ja eh zwecklose wäre, da nicht mehr Zufriedenheit in Aussicht steht. Schließlich muss das „System“ am Laufen gehalten werden.

Eine Sache sollte man bei recht „hohen“ Einkommen auch nicht vernachlässigen: Man verliert bis zu einem gewissen Maße die Fähigkeit die kleinen Dinge des Lebens zu wertschätzen. Eine angenehme Brise wenn der Frühling anfängt zu blühen, warme, von Herzen gemeinte, aufmunternde Worte, ein in orange-rot-lila getauchter Sonnenuntergang im Sommer, die Aussicht von einem Berggipfel.

Ich stimme darin überein, dass man nur so viel Geld haben sollte, dass Geld an sich kein Problem mehr darstellt. Dass einem die Sorge darüber vollständig genommen wird, so dass man sich wieder seinem richtigen Leben widmen kann. Wieviel das ist, muss letztlich jeder für sich selbst beantworten.

Anmerkungen:

[1] Die Steuerlast in den USA unterscheidet sich von der in Deutschland teilweise erheblich. Steuern in den USA variieren in unterschiedlichen Bundesstaaten, sind aber grundsätzlich niedriger als in Deutschland. Sozialabgaben wie bei uns gibt es in der Form auch nicht, so dass man davon ausgehen kann, dass sogar im Falle eines Bruttoeinkommens von 75.000$ viel mehr Netto hängen bleibt als bei einem äquivalenten Brutto in Deutschland.

[2] Ich habe die Basislinie für das Glücksempfinden ohne Smartphone auf eine „3“ gesetzt (Skala von 0-10), basierend auf unseren kulturellen Umständen – Deutschland im Jahr 2018. In einer anderen Kultur könnte das Basis-Glücksempfinden ohne Smartphone schon bei einer „7“ oder gar höher sein.

[3] Oder wir könnten uns anders gestaltete Sachen von der gleichen Kategorie leisten, die unser Glück aber nicht sonderlich beeinflussen würden. Um beim Beispiel des iPhones zu bleiben. Was ist der Vorteil eines iPhones gegenüber einem „billigen“ Einsteiger-Smartphone? Für den Alltagsgebrauch nicht viel, außer vll. etwas usability und natürlich den Status, der aus psychologischer Sicht nicht zu vernachlässigen ist.