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Wieso brauchen wir Arbeit?

Passend zum 01.Mai – Tag der Arbeit – habe ich meine Gedanken zum Thema Arbeit aufgeschrieben. Viel Spaß beim Lesen. Ich würde mich über Eure Meinung zu dem Thema in den Kommentaren freuen.

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Wir leben in einer Zeit die sich durch ein besonders hohes Maß an Unsicherheit auszeichnet. Die Welt ist undurchsichtiger und weniger vorhersehbar als jemals zuvor, auch wenn wir durch Medien wie das Internet der subjektiven Meinung sind das dem nicht so ist. Und genau das ist der springende Punkt. Wir glauben, dass wir aufgrund unserer technologischen Fortschritte die Zukunft besser vorhersagen können als jemals zuvor. Doch es bleibt eine Illusion. Wir sehnen uns nach Ordnung, Kontrolle und Sicherheit. Vor 10.000 Jahren haben diese Eigenschaften über Leben und Tod entschieden und hatten damit einen sehr hohen Stellenwert für uns. Wir sind daher bereit sehr viel für diese Gefühle zu geben und zu zahlen [1].

Das ist auch ein Grund wieso wir Arbeit brauchen. Das Nachgehen einer Beschäftigung gibt uns ein Gefühl der Ordnung und Kontrolle. In einer chaotischen Welt können wir einen kleinen Aspekt unseres Lebens kontrollieren. Wir können ein Problem greifen und es lösen, in einer Art und Weise wie es uns in anderen Bereichen des Lebens nicht möglich ist. Es verschafft uns ein Gefühl der Errungenschaft und Befriedigung.

Es ist als ob unser ganzes Leben von unkontrollierbaren Emotionen gesteuert wird. Wir werden hin und her geworfen von den Erregungen und Ängsten die wir kaum verstehen und denen wir keinen Sinn abringen können. Da ist es nur verständlich, dass wir uns an etwas klammern, dass uns zumindest etwas Erleichterung verschafft.

Unsere Arbeit ist ein Aspekt in dem wir über eine Lebenszeit zu einem verblüffenden Verstehen kommen können. Wir erlangen einen Grad der Expertise, der keine Unklarheiten offen lässt. Für einen Spezialisten hat ein gewisser Aspekt des Lebens keine Mysterien mehr. Unser Gehirn schmachtet nach Sicherheit. Wir hassen es in der Luft zu hängen. Wir wollen in einer vollständig nachvollziehbaren, verständlichen Welt leben.

Aber geben wir uns letztlich nicht einer Illusion hin? Sind wir uns bewusst, dass wir lediglich einen Teilaspekt kontrollieren oder glauben wir, dass wir unser Leben kontrollieren? Machen wir uns etwas vor?

Die Auffassung durch unsere Arbeit nicht nur unseren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch gleichzeitig Erfüllung zu finden, ist recht neu. Im 18. Jahrhundert hatte man keine Zeit sich Gedanken um persönliche Erfüllung zu machen, wenn man 16 Stunden lang am Tag sein Feld bestellt hat. Erst durch die Industrialisierung und das anschließende Vernetzungszeitalter, durch das Internet, haben wir es geschafft uns so viel Freizeit und Bequemlichkeit zu erkaufen, dass wir Gedanken persönlicher Erfüllung nachsinnen können. Wir haben als Gesellschaft unsere Standards bezüglich unserer Arbeit stark angehoben. Das an sich ist nichts Schlechtes. Aber kann es sein, dass wir zu viel unseres persönlichen Glückempfindens an unsere Arbeit hängen? Vor 200 Jahren war es recht normal von seiner Arbeit nicht viel mehr als den Lebensunterhalt zu erwarten und seine Erfüllung in anderen nicht monetären Beschäftigungen zu suchen (sofern die Zeit dafür vorhanden war, wie gesagt 16 Stunden Feldarbeit). Wieso glauben wir heute, dass wir unsere Kreativität nur auf der Arbeit ausleben können? Ja, sogar müssen? Wieso erachten wir eine Beschäftigung nur als sinnvoll, wenn sie wirtschaftlich aussichtsreich zu sein verspricht? Reicht eine Arbeit, die uns einen guten Verdienst, angenehme Arbeitsumstände und Kollegen, moderaten Stress (idealerweise nur die gute Art von Stress – Eustress; und wenig bis gar keinen schlechten Stress – Disstress) und einen ausreichenden Grad an Sicherheit bringt, nicht vollkommen aus [2]? 7-8 Stunden um seinen „Lebensunterhalt“ zu verdienen und 7-8 Stunden für Freizeit oder seine Leidenschaft klingt für mich nicht so schlecht [3].

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen die genau dieses Vorgehen haben. Minimale Leistung auf Arbeit um dann zu Hause mit voller Energie seinen wahren Interessen nachzugehen und zu „leben“.

Irgendwo in der Mitte wird die Wahrheit liegen. Seine Ansprüche an seine Arbeit anzuheben und von ihr mehr zu verlangen als nur das Decken der Grundbedürfnisse ist eine gute Sache und gehört meiner Meinung nach zur Evolution der Menschheit dazu. Zu versuchen seine ganze Kreativität und sein Glücksempfinden aus seiner Arbeit zu beziehen, wäre ein Überspannen des Bogens. Wieviel Arbeit ist optimal? Welche Herangehensweise an die Arbeit ist optimal? Wird in 50 Jahren überhaupt noch jemand arbeiten müssen? Oder werden von KI (Künstliche Intelligenz) gesteuerte Maschinen alle Arbeit verrichten? Und was werden wir Menschen dann machen [4]?

Mich würde Eure Meinung dazu interessieren.

Anmerkungen:

[1] Das ist auch das Geschäftsmodell von Versicherungen. Versicherungen nutzen das Sicherheitsbedürfnis von Menschen aus, in Bereichen in denen die Statistik auf der Seite der Versicherungsgesellschaft ist. Damit wird der Profit erwirtschaftet.

[2] Sicherheit im Job ist eigentlich eine Illusion. Großkonzerne sind sehr gut darin einem Arbeitsplatzsicherheit zu verkaufen, auch wenn diese objektiv betrachtet gar nicht vorhanden ist.

[3] Eigentlich arbeitet man nur maximal 2-4 Stunden um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die restliche Zeit arbeitet man für „Luxus“. Überdimensionierte Wohnungen oder Häuser, Premium Automobile, Urlaub, etc. sind Luxusanschaffungen und keine grundlegenden Bedürfnisse.

[4] Das ist im Übrigen eine sehr interessante Fragestellung. Alle Entwicklung geht aktuell in Richtung KI (= Künstliche Intelligenz). Selbstlernende Algorithmen gibt es bereits schon und es ist nur eine Frage der Zeit bis KIs den Status einer „Superintelligenz“ erreicht haben. Damit wird der Vergleich zwischen einem Menschen und der KI wie der zwischen einem Menschen und einer Ameise. Und dann ist die wirklich entscheidende Frage was wir Menschen den lieben, langen Tag über treiben werden. Das mag aus der heutigen Perspektive wie ein triviales Luxusproblem erscheinen, aber das ist ein wirklich ernsthaftes psychologisches Problem. Wer mehr zu diesem Thema lesen möchte, dem kann ich nur das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari ans Herz legen.

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