Wer hat Horst entführt ??

Den lustigsten Unfug habe ich auf einer Party einer Studentenverbindung zu meinen Studienzeiten erlebt. Die Partys im Verbindungshaus wurden „privat“ abgehalten, was bedeutete, dass die Bewohner des Verbindungshauses ihre Freunde einladen durften. Ok, wir wissen was das heißt. Gefühlt waren alle Maschis da. Mäh, wie langweilig. 300 pickelige Kerle und 3 Mädels, könnt ihr euch ja vorstellen wie es da abgegangen ist.

Naja, egal. Bier gab es mehr als reichlich. Das war uns damals gut genug.

Irgendwann wurde es sehr spät – oder auch sehr früh – und übrig blieben nur noch die Bewohner des Hauses und einige sehr gute Freunde derer. Unter ihnen auch ich. Irgendwie lümmeln wir also bei einem auf dem Zimmer rum und die meisten sind entweder hacke dicht von Alkohol oder sonstigem Stoff oder pennen anderweitig. Kommt beides auf’s selbe raus: keiner ist bei Bewusstsein.

Ich stolper also irgendwie die Treppe runter und komme am Zimmer der Maskottchen vorbei. Zum Hintergrund: Die Maskottchen dieser Verbindung waren zwei Pinguin Kuscheltierchen, namentlich Herbert und Horst, und wurden immer in einem bestimmten Zimmer aufbewahrt. Diese wurden immer auf das alljährlich stattfindende Eishockey Turnier zwischen Maschis, Elektrotechnikern und den Mediziner mitgenommen. Kurz der Uni-Cup, eine riesen Gaudi. Dort haben sich die drei Fakultäten immer gegenseitig auf dem Eis „gebattled“, inkl. Showeinlage von den Studis mit selbstgebauten Wikingerschiffen aus Pappmasche oder Galgen an denen Puppen mit Arztkittel aufgehängt wurden. Auf jeden Fall eine geile Sache und jeder hat sich auf dieses Event gefreut.

Die Verbindung bei der die Party stattfand hat immer diese zwei Pinguin Maskottchen auf den Uni-Cup mitgenommen, da das schon seit jeher dort Tradition war.

Naja, jedenfalls komme ich an dem Zimmer vorbeigestolpert und an der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift „HERBERT, HERBERT! WER HAT HERBERT GESTOHLEN?“.

Ich schaue also ins Zimmer rein und normalerweise haben Herbert und Horst immer ihren ganz besonderen Platz in einer Vitrine. Ein Platz ist leer, anscheinend der von Herbert. Alles klar, denke ich mir, da hat sich jemand einen Scherz erlaubt. Dazu sollte man noch sagen, dass der Uni-Cup immer am Donnerstag nach Nikolaus stattfindet und es war Mitte November, also nicht weit hin bis Nikolaus. In meinem benebelten Zustand dachte ich es wäre lustig Horst auch noch mitgehen zu lassen und zu verstecken, also habe ich ihn kurzerhand aus der Vitrine geholt.

Irgendwie erschien es mir lustig ihn beim „Papst“ zu verstecken. Wer mit Studentenverbindungen nicht so vertraut ist, wird sich jetzt vielleicht fragen, wieso das römisch-katholische Oberhaupt der Kirche hart mit Maschis abfeiert. Schön wär’s, so ist es aber nicht. Der „Papst“ ist nichts anderes als ein Speibecken, besser bekannt als die Schüssel in die gekotzt werden muss. Ich denke das sollte als Erklärung reichen. Ich dachte mir auf jeden Fall, dass irgendwann im Laufe des Abends der ein oder andere mal „papsten“ gehen muss und Horst somit recht schnell gefunden wird. Natürlich habe ich den armen Horst nicht direkt im Rachen des Papstes versteckt. Wer würde denn sowas ekliges tun? Ich habe ihn sicher und trocken im Badezimmerschränkchen unter dem Spülbecken versteckt, welches zum Raum des Papstes gehörte.

Nachdem ich noch mit ein paar Jungs geplaudert hatte, bin ich dann irgendwann mit meinem vom Bikesharing geliehenen Hollandrad heim gegurkt. Mit Bikesharing meine ich im übrigen, ich habe den rostigen Drahtesel aus dem nächsten Graben rausgezogen, bin heim geradelt und habe es in der Nähe meiner Wohnung in den nächstbesten Graben geschmissen, damit der nächste Studi ohne Transportmittel das Bike wieder benutzen kann. Ich weiß zwar nicht wo die ganzen alten, rostigen Klappermühlen herkamen, aber derjenige der dieses geile und kostenlose Bike Sharing eingeführt war genial.

Am nächsten Tag (Sonntag) kriege ich einen Anruf. In der Studiverbindung ist etwas passiert, ich solle doch bitte vorbeikommen. Ich komme an – diesmal mit dem Bus, das Bikesharing darf man nämlich nur benutzen wenn man mehr als 1,6 Promille hat und ich war mir nicht sicher ob ich nicht schon unter die Grenze genüchtert bin. Die Verbindungsmitglieder laufen wie wild durch die Gegend. P. – der Hüter von Herbert und Horst ist mächtig angepisst. Bald ist Uni-Cup und für die Maskottchen war großes geplant, bla, bla, bla.

Dazu muss ich sagen, dass Herbert, das zuerst geklaute Maskottchen recht schnell noch in der Partynacht gefunden wurde. Das Versteck war nicht besonders originell – einfach im Bett von P.. Nachdem der ursprüngliche Dieb seine gerechte Tracht Prügel bekommen hat und glaubwürdig versichern konnte, dass er NUR Herbert entführt hatte, dem armen Horst aber keine Feder gekrümmt hatte, war klar dass noch ein zweiter Dieb seine dreckigen Finger im Spiel hatte.

Anscheinend war es so, dass am Abend zuvor niemand „papsten“ musste und somit auch niemand auch nur die Gelegenheit hatte Horst zu finden. Da der Audienzraum des Papstes auch nur bei Feierlichkeiten benutzt wird und in das Badezimmerschränkchen nie jemand schaut, dämmerte mir langsam dass mein Versteck ein ziemlich gutes war.

Ok zurück, zum armen, verprügelten ersten Dieb. Nachdem der aussah wie Axel Schulz nach seinem Kampf gegen Klitschko 1999, fragte mich P.:

„Koch, hast du Horst verschleppt?“

„Ooooh jaaa, das hab ich. Siehst du die Kratzer an meinen Händen? Die habe ich bekommen, als der ahnungslose Horst gemerkt hat, dass ich ihn nicht nur streicheln, sondern entführen will. Er hat mir einen duften Kampf geliefert und meine geschundenen Hände sind der Beweis für seine Tapferkeit“. Dabei grinste ich dreckig und streckte meine makellosen, unverkratzen Hände vor. Irgendwie waren die anderen mit meiner Antwort nicht zufrieden. Kurz, sie glaubten mir nicht.

Nachdem Horst nun schon seit über einer Woche verschwunden war, der Uni-Cup immer näher rückte und der arme P. bald vollkommen irre vor Sorge wurde, musste etwas unternommen werden.

Irgendwann saßen wir wieder beisammen und es wurde gefragt ob einer eine Idee hätte wie man denn endlich Horst seinem Entführer entreißen konnte.

Einer macht einen Vorschlag. Dann ein anderer. Aber keiner kann so wirklich überzeugen.

Irgendwann stehe ich auf und sage: „Ok. Wer auch immer Horst entführt hat. Du bist ein Genie. Wir verbeugen uns vor deiner genialen Gerissenheit und huldigen dir auf Ewig. Du brauchst uns nicht zu sagen wer du bist, wir wollen nur wissen wo du unseren heiligen Horst hin verschleppt hast. Wenn du uns einfach irgendwo einen Zettel hinterlässt mit einem Hinweis wo er sich befindet, dann werden wir dir auf Ewig dankbar sein und deinem Supergenie gedenken.“

P., der den größten Leidensdruck hatte und als nächster mit einer Idee dran wäre, kommt mit einem weiteren Vorschlag.

„Lasst uns der Reihe nach jeden einzeln befragen und sein Ehrenwort auf die Verbindung geben, dass er die Wahrheit sagt.“

Alle willigen ein, also macht Peter die Runde.

„Felix, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Thomas, hast du Horst entführt?“

„Nein.“

„Koch, hast du Horst entführt?“

„Jap.“

„Hör auf mit dem Scheiß, Koch. Das ist eine ernste Angelegenheit!“

„Andi, hast du Horst entführt?….“

So ging das der Reihe nach, bis jeder dran war. Scheisse, alle haben verneint. Es musste eine wirklich verlogene Ratte unter uns geben, der sogar das Ehrenwort der Verbindung scheiss egal war.

Bevor ich an dem Abend ging, habe ich einen kleinen Zettel mit einer Zeichnung vom Papst und dem Waschbecken inkl. Schränkchen mit Horst darin im Flur der Verbindung hinterlassen. Die Zeichnung hätte auch mit fliegenden Schweinen im Weltall verwechselt werden können, aber am nächsten Tag wurde Horst gefunden und alle waren glücklich.

Irgendwann Wochen oder Monate später, als wieder auf einer Verbindungsparty lustige Geschichten von früher erzählt wurden, habe ich nochmals zugegeben, dass ich Horst entführt hatte. Alle haben nur gelacht und mich als Lügner bezeichnet und dass ich mich mit den Lorbeeren schmücken wollte. Keiner konnte sich mehr daran erinnern, dass ich bei der Befragung die Wahrheit gesagt und mit „Ja“ geantwortet habe. Alle waren der Meinung, dass alle „Nein“ gesagt haben.

Schon irgendwie cool, wenn man so ehrlich ist, dass einem niemand glaubt.

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