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Die Macht und der Fluch unseres Gehirns

Zwei Vertriebsangestellte eines Schuhherstellers werden nach Afrika auf Feldreise geschickt, um den Markt zu sondieren und einen Bericht abzuliefern. Der erste Vertriebler kommt zurück, ganz deprimiert und niedergeschlagen. Er berichtet: „Es ist hoffnungslos. Keiner trägt Schuhe. Das ist kein Markt für uns“.

Der zweite Vertriebler kehrt ganz enthusiastisch und aufgekratzt zurück und berichtet: „Super Nachrichten. Keiner hat Schuhe. Die Wachstumschancen sind enorm. Der Markt hat sehr viel Potential für uns.“

Einer sieht keine Schuhe und alle Indizien weisen auf eine hoffnungslose Situation. Der andere sieht die selben Dinge und für ihn deutet alles auf reichhaltige Chancen. Jeder der beiden kommt mit seiner eigenen Perspektive nach Afrika und jeder kehrt mit einer anderen Geschichte zurück. Das Leben wird uns in Erzählform präsentiert. Es sind alles Geschichten die wir uns erzählen.

Die Wurzeln dieses Phänomens reichen viel weiter als nur die individuelle Einstellung oder der Charakter einer Person. Experimente der Neurowissenschaften haben ergeben, dass wir unsere Umwelt in ungefähr folgender Reihenfolge wahrnehmen: zuerst beliefern uns unsere Sinne mit einer Auswahl von dem was tatsächlich passiert, zweitens konstruiert unser Gehirn aus diesen Sinneseindrücken seine eigene Nachbildung und erst dann haben wir drittens unsere erste bewusste Erfahrung der Umwelt. D.h. die Welt dringt in unser Bewusstsein in Form einer bereits vorgezeichneten Karte ein, einer bereits erzählten Geschichte, einer Hypothese, einer Konstruktion unserer eigenen Montage.

Wir nehmen nur die Sinneseindrücke wahr auf die wir evolutionstechnisch programmiert sind und das sind meistens Informationen die kritisch für unser Überleben sind. Weiterhin ist unsere Wahrnehmung darauf beschränkt, dass wir nur wahrnehmen können wofür wir bereits eine mentale Karte oder vorsortierte Kategorie haben.

Wir sehen also nur eine Karte der Welt, nicht die Welt selber. Was ist das also für eine Karte die wir uns selber zeichnen? Die Antwort finden wir in der Realität der Biologie. Das Überleben des Stärksten. Wir nehmen nur Dinge wahr, die uns in erster Linie dazu dienen die Gefahren des Lebens zu erkennen und erfolgreich zu vermeiden.

In einem weiteren berühmten Experiment wurde dem äthiopischen Volksstamm der Bodi eine Fotografie gezeigt mit Menschen und Tieren darauf. Den Bodi war es nicht möglich das zweidimensionale Bild zu „lesen“. Sie haben das Papier befühlt und beschnüffelt, haben die Fotografie zerknüllt und auf das raschelnde Geräusch gehört, haben kleine Stückchen davon abgebissen und darauf rumgekaut, um das Foto zu schmecken. Sie konnten die Menschen und Tiere darauf nicht wieder erkennen, einfach weil sie kulturell keine mentale Karte für die Interpretation der Fotografie vorliegen hatten. Und doch setzen Menschen in unserer Kultur die Fotografie und das reale Objekt welches die Fotografie zeigt, selbstverständlich gleich, obwohl das eine eine Abstraktion des anderen ist.

Ein Mann erkannte in einem Zug Pablo Picasso und fragte ihn wieso er Menschen nicht so zeichne wie sie in der Realität seien. Picasso fragte den Mann was er genau damit meine. Der Mann öffnete seine Brieftasche, nahm ein Foto von seiner Frau heraus und sagte „Das ist meine Frau“. Picasso antwortete „Ist sie nicht eher klein und flach?“

Unser Verstand ist auch drauf ausgelegt Ereignisse zu einem Handlungsstrang aneinander zu reihen, egal ob es eine Verbindung zwischen den einzelnen Teilen gibt oder nicht. Wir produzieren gerne Begründungen für unsere Taten, damit diese logisch, konsequent, plausibel und so als ob sie durch das Prinzip von Ursache und Wirkung geleitet sind, unabhängig davon ob diese „Begründungen“ die wahren Beweggründe unserer Taten darstellen.

Experimente mit Leuten die Verletzungen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte erlitten haben (die Gehirnhälften konnten nicht mehr miteinander „kommunizieren“), zeigten folgendes verblüffendes Phänomen. Wenn die rechte Gehirnhälfte angewiesen wurde die Tür zu schließen (den Patienten wurde das rechte Auge abgedeckt und die Anweisung wurde nur vom linken Auge gelesen, welches von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird) hat die linke Gehirnhälfte unabhängig davon eine Begründung fabriziert wie „Oh, ich habe einen Luftzug gespürt“.

Das heißt im Grunde, dass alles erfunden ist. Das Leben das uns passiert, das wir wahrnehmen ist eine Geschichte die wir uns selbst erzählen. Und wenn eh alles erfunden ist, dann kann ich mir auch genauso gut eine Geschichte mit Bedeutung erzählen, eine die die Qualität meines Lebens und des Lebens der Personen in meinem Umfeld verbessert.

Der Rahmen den unser Verstand kreiert, definiert – und behindert – was wir als möglich erachten. Jedes Problem, jedes Dilemma, jede Sackgasse der wir uns im Leben stellen müssen, erscheint nur innerhalb eines bestimmten Rahmens unlösbar. Vergrößere den Rahmen oder kreiere einen neuen Rahmen um die Randbedingungen herum und die Probleme verschwinden, während sich neue Gelegenheiten auftun. Wir sollten uns also immer daran erinnern, dass alles eine Geschichte ist die wir uns erzählen und dass alles erfunden ist. Nicht nur einiges davon, sondern wirklich alles. Jede Geschichte basiert auf einem Netzwerk von versteckten Annahmen. Wenn du lernst diese wahrzunehmen und auseinander zu halten, wirst du auch in der Lage sein durch diese Barrieren zu stoßen und eine neue, positive Erzählung mit den für dich förderlichen Konditionen zu erfinden.

Also, wer ist dabei und verkauft mit mir Schuhe in Afrika? 🙂

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