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Warum Du ein Betrüger sein musst

Kennst du dieses unangenehme Gefühl im Hinterkopf? Ein leichter Druck. Es macht den Anschein als ob es ziehen würde.

Du lässt deinen Kopf kurz kreisen, um deinen Nacken zu dehnen. Du machst tapfer mit deiner Präsentation weiter.

Ist da hinten in der dritten Reihe nicht einer der gerade schäbig gegrinst hat? Und hier vorne tuscheln zwei miteinander. Die machen sich bestimmt gerade lustig über meine Vortragsinhalte. Dort drüben lachen sogar zwei. Jetzt ist es vorbei. Sie haben mich erwischt. Gleich geht bestimmt die Tür auf und einer kommt rein, FBI vielleicht. Zeigt anklagend mit dem Finger auf mich und schreit: „Betrüger!!! Wir haben dich entlarvt. Du hast überhaupt gar keine Ahnung von dem was du da erzählst. Wer hat dir überhaupt erlaubt da oben zu stehen und uns eins vom Pferd zu erzählen?!“

Das war’s. Sie haben mich.

Hast du so oder so ein ähnliches Gefühl schonmal erlebt? Bei einem Vortrag in der Schule, Uni, auf der Arbeit? Wenn Freunde oder Bekannte dich nach deinen Hobbys fragen und du ausführlich darüber berichten sollst. Wenn du in deinem Verein die hundertmal geübten Abläufe jetzt während eines Ligaspiels, Wettbewerbs oder im Turnier beweisen musst?

Ich kenne dieses Gefühl ganz sicher. Mein halbes Erwachsenenleben begleitet es mich. Egal zu welchem Zeitpunkt in meinem Leben ich etwas neues gelernt hatte oder etwas konnte, hatte ich immer das Gefühl ein Hochstapler zu sein, wenn ich darüber geredet habe oder die neue Fähigkeit praktiziert habe. Natürlich habe ich mir das Gelernte oder die Fähigkeit ganz legitim  durch Arbeit angeeignet (bei sowas gibt es meist keine Abkürzungen) und doch hatte ich immer ein unangenehmes Gefühl im Hinterkopf, dass ich doch eigentlich gar nicht befähigt bin über dieses Thema zu reden oder diese Tätigkeit auszuüben.

Auch jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, ist da eine leise Stimme in meinem Hinterkopf, die fragt was mich dazu befähigt diesen Artikel zu schreiben?

Und doch glaube ich, dass es genau dieses Gefühl ist, dass man im Leben suchen muss.

Man muss neue Sachen lernen und anschließend mit anderen Leuten darüber reden oder es sogar lehren. Wozu lernt man neue Sachen, um nicht dazu, sie anderen Leuten beizubringen? Man wird immer das Gefühl haben, dass man über das Thema noch nicht genug weiß, um anderen Leuten etwas darüber zu erzählen. Man wird immer Unsicherheit verspüren. Man wird immer Angst haben, dass ein anderer mit erhobenem Zeigerfinger hervorspringt und einen des Betrugs anklagt.

Das soll einen jedoch nicht davon abhalten nach diesem Gefühl zu suchen, sich diesem zu stellen und es zu überwinden. Nur so kann man es auf einem oder sogar mehreren Gebieten zur Meisterschaft bringen. Man muss sein bereits gelerntes Wissen sofort anwenden. Egal wie rudimentär dieses ist. Nur so kann man das Wissen einerseits fest verankern und andererseits bei der Anwendung zu neuen, tieferen Erkenntnissen gelangen. Jedes Wissen hat mehrere Ebenen. Zu den tieferen Ebenen ein und desselben Wissens gelangt man meist erst wenn man dieses regelmäßig anwendet und praktiziert. Erst dadurch verbindet man die losen Punkte, die man bereits im Kopf hat zu neuen Strukturen und Erkenntnissen. Zwei Menschen können ein und dieselbe Sache wissen und doch hat derjenige der über das Wissen oft nachgedacht hat, es mehrmals durchgelesen hat und vor allem auch oft in der Praxis angewendet hat, ein viel tieferes Verständnis der Materie.

In meinen Augen muss man die Grenze dieses Hochstapler Syndroms pushen, wenn man erfolgreich werden will. Heute hast du vielleicht Angst über ein kleines, überschaubares Thema etwas vorzutragen. Wenn du jedoch jedes mal aufs Neue ins kalte Wasser springst und dich darin übst, wirst du irgendwann verwundert feststellen über welche großen Themen du frei reden kannst. Das Hochstapler Syndrom mag dich zwar immer begleiten. Vielleicht wird es nie weggehen. Aber du musst es anerkennen und freudig umarmen.

Nur wenn du kontinuierlich über all das von dir gelesene Wissen mit einem Selbstvertrauen vorträgst, schreibst, redest, zeichnest, machst, als wärst du bereits zu den tieferen Ebenen vorgedrungen, wirst du im selbigen Prozess wirklich zu den tieferen Ebenen vordringen.

Den Erfolg eines Menschen kann man daran messen, wie oft er bereit ist unangenehme Gespräche zu führen

Der Spruch „Fake it until you make it“ hat auch seine tiefere Bedeutung und gilt auch für das Hochstapler Syndrom. Man muss es so lange in gutem Glauben vortäuschen, bis man es wirklich kann oder hat.

Habt ihr auch das Hochstapler Syndrom? Seit ihr euch dessen bewusst oder wusstest ihr bisher nur, dass da etwas ist, aber ihr konntet es nicht benennen? Wie geht ihr damit um?

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